Fechter

Psycho-Thriller nach wahren Begebenheiten

Über den Tatsachen-Roman

Auszüge aus dem Leben eines jungen Söldners.

Nach seiner Zeit bei der Fremdenlegion arbeitet er für jeden, der, wie er, sich gegen Terroristen wendet - und ihn dafür bezahlt. Ob z. B. im Libanon oder im Einsatz für Geheimdienste, Wolf Fechter, der Protagonist, ist Söldner aus tiefster Überzeugung.

Bis zu dem Tag, als man ihn zum Narren hält und sich weigert, ihn zu bezahlen.

Folgen Sie Wolf Fechter u. a. nach Spanien, in den Libanon, die Niederlande und durch Deutschland.

Der erfolgreiche Roman Fechter ist ein dynamischer Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Anfang bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.

Der Action-Thriller Fechter bietet Ihnen ein intensives Leseerlebnis.
Gebundene Ausgabe

Fechter

Psycho-Thriller von

Olaf W. Fichte

Fechter: Das Ende

Autor: Olaf W. Fichte
Uhr (Kommentare: 0)

Der Kommunikationsknochen entglitt mir und suchte liebevoll die Nähe des Tischchens. Willig schmiegte er sich fest an die geglättete Struktur des Holzes und ergab sich ohrenbetäubender Wollust. Einen Augenblick ließ ich die Drei unter sich, dann nahm ich den Hörer auf, knurrte: „Jetzt klarer im Hirn? Bin kein verdammter Ladenhüter. Verramschen is nich. Le Chaim!“ (1), und warf das Teil mit so viel ohnmächtiger Wucht auf den Apparat, dass beide über die Tischkante zu Boden fielen.
Ich stand auf und trat dagegen. Jämmerlich tütend prallte das blöde Ding gegen die Wand, riss einen Fetzen weißer Raufasertapete heraus und sprengte kleine Putzstückchen ab. „Und wegen so was rauche ich auch noch wie ein Schornstein!“
Urplötzlich stand Angelika hinter mir.
„Bist jetzt völlig übergeschnappt?!“
Erschrocken drehte ich mich nach ihr um. Sie sah gut aus. Jesus, sah sie gut aus!
„Beeindruckend deine Menschenkenntnis. Sag, wie hast du es herausgefunden?“
„Ach, leck mich doch!“
„Gern! Sofort oder nachdem ich mir dein Schnitzel reingezogen habe?“
„Ich dachte, du seiest meinetwegen gekommen.“
„Dachte ich auch.“
„Ach ja? Sieht aber nicht so aus. Tut mir leid, aber ich möchte, dass du gehst“, forderte sie mich barsch auf.
Dahin, all die Liebenswürdigkeit. Weggeblasen, von einer Minute auf die andere.
Geben Sie sich niemals der Illusion hin, eine Frau verstehen zu wollen, die ein Reiheneckhaus an einem See bewohnt.
„Täte es dir leid, würdest du nicht derartigen Müll quatschen. Ich nehme mir jetzt dein Schnitzel, und du sagst mir, was eigentlich mit dir los ist. Dass ich noch heute irgendwohin gehe, kannst du dir gleich aus dem Kopf schlagen.“
In der Küche nahm ich mir das Stück Leckerschmecker aus der Pfanne und setze mich mit einer Tasse Kaffee an den Tisch.
Angelika kam in kleinen, ruhigen Schritten auf mich zu, ihre Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Sie konnte es nicht verbergen: Ich spürte ihre Aufregung, glaubte ihr Herz klopfen zu hören. Nein, mehr noch: Sie roch nach Angst. Diese schöne Frau hatte Angst, panische Angst – vor mir. Ich steckte mir eine Zigarette an und inhalierte die ersten drei Züge tief. Sei tapfer, sagte ich mir und sah auf meine Fingerspitzen, die rhythmisch auf die Tischplatte klopften.
Angelika gab sich gefasst, doch verriet sie das unterdrückte Beben in ihrer Stimme, als sie sagte: „Denke nicht, ich scherze. Du sollst gehen und nie mehr zurückkommen.“
„Das ist gemein.“
„Ist es nicht.“
„Ist es doch!“
„Na, und wenn schon. Ich möchte jedenfalls, dass du gehst.“
„Du bist die Chefin. Wann?“
Und wieder dieser Blick. Nur schien er diesmal weniger der Herdplatte als mehr dem Gefrierschrank entnommen zu sein.

Sie hätten ihn sehen sollen. Unglaublich aufregend. Jetzt ist er völlig hinüber, mochte sie sich gedacht haben. Und einen Schimmer Mitleid sah ich auch darin. Ihre Angst schien sich zu legen.
„Morgen!“, und noch vernichtender ihr Blick.
Blöde Schnepfe, dachte ich mir, ich brauche wenigstens zwei Tage.
„Nur vier Tage“, flehte ich, „Bitte!“
Sie sah in die leere Pfanne. „Übermorgen! Mein letztes Wort. Frühstück kannst du noch haben. Dann aber verschwindest du.“
Na bitte, es geht doch.
„Danke, mein Engel!“
Sie weinte und lief eilig davon. Eine bemerkenswerte Frau.

Am darauffolgenden Morgen fuhr ich mit Bus und U-Bahn ins Stadtinnere, kaufte eine Postkarte mit Briefmarke, stärkte mich in irgendeiner Studentenkneipe und ging dann zu Fuß zum Englischen Garten.
Auf einer Bank sitzend schrieb ich ein paar Zeilen an Ulli, in denen ich ihm meine Rückkehr für das übernächste Wochenende ankündigte.
Es war zu kühl, um länger zu verweilen, sodass ich mich erhob und durch den Park spazierte. Beinahe fünf Stunden – wie ich später verblüfft feststellte – trampelte ich planlos immer denselben Pfad auf und ab, bis ich mir endlich einen Ruck gab und mich auf die Suche nach einer Telefonzelle machte.
„Ich wusste, Sie würden sich melden“, sagte Kerker freundlich.
„Ich komme auf Ihr Tiergartenangebot zurück. Ich werde Deutschland verlassen. Für immer. Am besten noch heute. Helfen Sie mir dabei?“
Es entstand eine Pause. Kerker überlegte und ich hörte das leise Pfeifen der durch die Nase einziehenden Luft und ein hastiges, erregtes Atmen.
„Nicht am Telefon. Kommen Sie morgen um zwanzig Uhr in die Hochstraße neunzehn A. Klingeln Sie bei Vieperl. Wir werden uns dann schon einig werden.“
„Ich bin völlig pleite.“
„Bringe ich ausreichend mit. Machen Sie sich keine Sorgen. Und ich werde auch Bernhard und Seiler informieren, wenn Sie nichts dagegen haben.“
Nein, ich hatte nichts dagegen. Absolut rein gar nichts.

Angelika warf im Garten Wäsche über die Leine, als ich Ihr Haus verließ.
Nach dem Frühstück saß ich noch etwas über eine Stunde am Küchentisch und wartete auf eine günstige Gelegenheit. Jetzt war sie gekommen, und ich ging ohne ein Wort. Auf dem Herd hinterließ ich einen Notizzettel: „Bin nur mal schnell zum ADAC“.
Meine Zeit war nicht verplant. Ich ging die Strecke vom Lerchenauer See durchs Zentrum bis zur Hochstraße zu Fuß. Es war angenehm und entspannend. Ein Stück des Weges leisteten mir zwei Döner Gesellschaft.
Fragen Sie nicht, was in meinem Kopf ablief. Da war nichts. Er war leer.

In der näheren Umgebung von Kerkers konspirativer Wohnung registrierte ich mit einem kleinen verschmitzten Lächeln um die Lippen einen Knast, ein Kloster und ein Kinderheim. Was wollte der Stadtplaner, oder die in diesem Landstrich weniger wahrscheinliche Stadtplanerin, damit zum Ausdruck bringen? Was wollte er uns sagen? Entweder-oder? Himmel oder Hölle? Oder schlicht: Welche Absonderlichkeiten man auch nach dem zehnten Maß noch vollbringen kann?

Vier Stunden vor meinem Rendezvous setzte ich mich fünfzig Meter abseits auf den Gehweg der gegenüberliegenden Straßenseite. Von dem Eckhaus, an dem ich mich niederließ, bot sich mir ein exzellenter Überblick auf die Zufahrtswege und mein Objekt.
Ich lehnte mich an die Hauswand, winkelte die Beine an, zog die Knie zum Kinn und senkte demütig das Haupt. Es hatte etwas Embryonales, aber rein gar nichts von der Entstehung des Lebens.

Mein Kopf war klar, hellwach und konzentriert. Nichts entging mir. Selbst den Furz einer Stubenfliege hätte ich dem Verursacher zuordnen können, doch mied derlei Insekt meine Ecke. Vor meinen Füßen – auch um das polierte Leder meines Schuhwerks zu kaschieren – hielt ich eine passend gemachte Cornflakes-Schachtel, die ich auf meinem Marsch durch die Stadt einer Mülltonne entriss, mit beiden Händen fest. Darauf war für diejenigen, die sich ganz, ganz tief zu mir herunterbeugten, zu lesen: „Hast du kein Benehmen? Glotz nicht so!“
Unmittelbar daneben lag meine Mütze mit ein paar Münzen darin, die natürlich ich spendiert hatte, auf dem Boden. Insgesamt bot ich ein nicht ganz ungewohntes Bild, nahm ich an.
Es war würdelos, unbequem und furchtbar kalt am Hintern. Aber ich gab mein Bestes, um meinen Kollegen keine Schande zu bereiten. Meine Augen sahen nicht die verächtlichen Blicke, und meine Ohren hörten nicht die Verwünschungen und Beleidigungen, der an mir in gebührendem Abstand vorüberhastenden zumeist ungepflegten Schuhpaare. All meine geballte Aufmerksamkeit richtete sich allein auf ein Objekt: das Haus mit der Nummer 19 A.

Mit dem Einbruch der Nacht, exakt zum 19 Uhr-Kirchengeläut, setzte eine merkwürdig hektische Betriebsamkeit auf der anderen Straßenseite ein. Auffallend unauffällige Gestalten schlichen umtriebig umher. Es wurden mehr und mehr. Ausschließlich Männer, und keiner über Vierzig.
Die einen, streng konservativ im dunklen Anzug, weißem Hemd und Krawatte gekleidet, fuhren in BMWs vor. Andere, leger in Jeans und Jäckchen, schlenderten über die Gehwege der Nebenstraßen heran. Auch an mir strömten sie vorbei. Ich roch ihr Rasierwasser. Und dann war da noch etwas. Etwas, das mich an Weihnachtsbäckerei erinnerte. Umständlich, so als sei ich halb erfroren und könne mich nur noch unter allergrößten Anstrengungen und Schmerzen bewegen, schob ich meine rechte Hand unter die Jacke.
Bittermandelaroma! Ja, Bittermandelaroma. Diese Ferkel schlugen ihr Angstaroma vor meiner Nase ab. Vielleicht hätte ich mir ein Riechfläschchen besorgen sollen. Sie schenkten weder mir noch meiner Mütze Beachtung.

Mit einem Mal war ein emsiges Treiben im Gange. Alles strebte meinem Objekt zu. Natürlich nicht alle auf einmal, doch waren Richtung und Ziel ihrer Bewegungen unverkennbar. Einer nach dem anderen betrat, nicht ohne sich vorher mehrfach nach allen Seiten abgesichert zu haben, das Haus.
Bei achtunddreißig hörte ich auf mit der unsinnigen Zählerei. Der Winterschlussverkauf war längst gelaufen, und dass sich Kerker mit mir in einem Bordell treffen würde, so viel Fantasie brachte ich einfach nicht auf. So schön die Vorstellung auch sein mochte, aber welcher vernünftige Puff nennt sich schon Vieperl?
Weiß der Geier, was die wollten. Und dennoch: Alles sprach dafür, nichts dagegen – ich hatte ein Problem.
Weshalb zedern, sagte ich mir, wenn man von Beruf Problemlöser ist? Wer konnte es sein, der nach einer Griebe in einem Fass Schmalz sucht? Und dann auch noch im Falschen? In Fachkreisen nennt man das wohl Selbstüberlistung.

Als sich ein Dachfenster öffnete und ich den Ersten herausklettern sah, klappte ich mein Schildchen zusammen und sammelte das Kleingeld ein. Ganze siebenunddreißig Pfennig brachten mir die zurückliegenden Stunden ein. Ich rieb mir die Hände am Hintern warm und überlegte, was ich mir davon Schönes leisten könne.
Ihnen blieben noch genau dreißig Minuten, um sich auf mein Eintreffen gründlich vorzubereiten. Diese Zeit wollte ich sinnvoller nutzen. Lass es knirschen, Alter, rief ich mir zu und räumte meinen Platz.

Es war ein erhabenes Gefühl, mein kleines rotes Auto gesund und munter in Dachau vorzufinden. Auf der Fahrt erzählte ich ihm von den Strapazen meines Tages und warum es im Tankstellenmief so lange auf mich hatte warten müssen.

Wenn es wahr ist, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, was ist dann mit denen, die hinter dem Gesetz stehen? Und wo stand ich? Vermutlich irgendwo dazwischen. Vor einigen Tagen las ich „fiat justitia, periat mundus“ (2) in einem Magazin. Der Klang der Worte gefiel mir, aber ich verstand sie nicht und suchte nach einer Erklärung oder Übersetzung, die ich im Anhang fand.

Es war schon weit nach Mitternacht, als ich Gumpersdorf erreichte. Ein ruhiges Örtchen mit Straßenbeleuchtung. Ich fuhr die Hauptstraße entlang, vorbei an Sehenswürdigkeiten wie einem steinernen Haltestellenhäuschen des Überlandbusses und die mit ihm zu einem Ensemble verschmelzende verwitterte Telefonzelle. Und ich fuhr mal wieder zu schnell, weshalb mir erst am Ortsausgang gewahr wurde, dass ich mich bereits auf der Freisinger Straße befand. Also drehte ich um, parkte hundert Meter im Ortsinneren vor dem Kunstobjekt, schob meinen Revolver vorn in die Hose hinter den Bund und stieg aus. Jacke und Wagentür blieben unverschlossen. Ein kaltes, beißendes Lüftchen schlug mir entgegen und ließ mich kurz erschaudern.
Dunkelheit in den Fenstern der umliegenden Häuser. Die Straße leergefegt – keine streunende Katze, und auch kein pinkelnder Köter. Nur ein Wolf setzt sich freiwillig diesen Temperaturen aus.

Ohne Hast ging ich den Gehweg entlang und blieb zwischen mannshohen Hecken vor einem eisernen Tor stehen. Ich sah auf die andere Seite der Straße. Ein Stall. Vermutlich Rindviecher. Oder Schweine. Ich hörte nichts, doch sagte mir der Geruch, da drüben wohnt Essen.
Das Haus mit der Nummer 87 war schnell gefunden. Die letzte Hütte auf der linken Seite vor dem Ortsausgangsschild. Oder eben die erste auf der rechten Seite nach dem Ortseingangsschild. Kommt auf die Betrachtungsweise an und ist völlig nebensächlich – so was von nebensächlich, aber auch.
Sein Zustand, wie auch das des dazugehörigen Grundstücks, ließ dennoch eher auf das letzte Haus am Ort schließen. Erbaut im Stil einer Villa, aber weit davon entfernt, eine zu sein, löste sich großflächig der Putz von den Wänden. Und auch der Garten machte auf den Betrachter alles andere als einen liebevoll gepflegten Altersruhesitz. Insgesamt kein berauschender Anblick. Selbst die tiefe Dunkelheit vermochte es nicht, jeden Schandfleck in seiner Gänze Schutz gebietend aufzunehmen.

Ich drückte die Klinke des Gartentürchens und rüttelte daran. Das Tor war verschlossen. Locker umklammerte meine Rechte den Knauf des Revolvers. Nach kurzem Suchen machte ich am bemoosten Betonpfosten zu meiner Linken eine Klingel aus und drückte sie mal kräftig. Nichts geschah. Abermals drückte ich auf den kleinen runden schwarzen Knopf und harrte geduldig der in einer Situation wie dieser üblichen Gegenreaktion. Normalerweise ... Wieder tat sich nichts. Alles blieb ruhig.

Wollen doch mal sehen, ob ich sie nicht doch noch aus ihrer senilen Altersgelassenheit herausbekomme. Ich legte meinen Handballen wie zu einer Herzdruckmassage auf den Klingelknopf und stellte mich bequem davor. Nach ungefähr einer Minute wurde es tatsächlich etwas kühl und ich beschloss, von der blöden Bimmelei abzulassen und auf das Grundstück vorzudringen.
Just in diesem Augenblick öffnete sich die Haustür und aus dem Dunkel des Inneren traten die Umrisse eines aufrecht gehenden Korpus in ein Freigehege.
Sekundenbruchteile darauf versuchten sich zwei kitschige Laternchen im Licht werfen. Ihre Spärlichkeit legte sich auf Unkraut überwucherte Gehwegplatten und den beidseitigen Wildwuchs. Unter größten Anstrengungen erreichte es den Rand des Freigeheges, das sich die Bewohner oberhalb dreier Stufen eingerichtet hatten. Sie sperrten sich hinter einem raumfüllenden, verschnörkelten Eisentor von ihrem riesigen Grundstück aus, um sich in einem kaum vier Quadratmeter kleinen Vorraum austoben zu können. Mal was anderes als ein schnödes Entree.

Nun erkannte ich den Korpus als Mann, der ein Schatten blieb und seine Hände um die Stäbe des Käfigs legte. Eine ebenso verspielte Kunstschmiedearbeit wie das Gartentor und die Laternen beiderseits des Weges.
Gott, wie ist die Menschheit doch misstrauisch geworden.
Rote Zipfelmützen alberner Gartenzwerge duckten unter meinen Blicken in die Finsternis weg. Aber es gab sie bestimmt. Konnte gar nicht anders sein – bei dem Umfeld.
Er war vielleicht fünfzehn Meter, nicht mehr, eher weniger von mir entfernt. Dem Licht war es nicht vergönnt, bis zu mir vorzudringen. Seinem asthmatischen Vorstoß ging zwei Meter vorm Türchen die Puste aus. Er konnte unmöglich mehr als meine Umrisse erkennen.
„Bitte?!“, rief er.
In der Ferne heulte ein Hund. Ich sah eine Silhouette am Rand der Lichtkegel. Nur ein Schatten, durch welchen das fahle Licht hindurchzuscheinen schien. Ein schwacher Schatten hinter einer schweren Gittertür. Hände, nicht mehr als zwei dunkle verwischte Flecken, umklammerten die Eisenstäbe, als flehe der Schatten um Erlösung aus seiner misslichen Lage, in die er sich hineinmanövrierte. Sollte ich ihn von seiner Qual befreien?

Feiner Nieselregen setzte ein. Ich sah hinüber auf den Schatten und fragte mich, ob es an der Raststätte Mohnkuchen geben wird und warum in der Literatur über alles Mögliche und Unmögliche geschrieben wird, aber nicht über Zahnbürsten und das Zähneputzen; ob ich ein Leut oder doch ein Mensch bin; ob ich einen Krieg verpasst habe – oder weshalb ist Englisch plötzlich Neudeutsch? Und warum Schwein ein Schimpfwort ist, obgleich wir das vermeintlich Schlechte als Festtagsbraten bereiten? Und dann fragte ich mich auch noch, ob es in dieser Nacht irgendwo einen Menschen geben würde, der mich ...

„Hallo!“, rief der Schatten, und es klang sehr ungeduldig. So, als wolle er sich gleich auflösen, ohne dem Rätsel an seiner Gartenpforte auf den Grund gegangen zu sein.
Er turnte von Stab zu Stab, krallte sich an ihnen fest, streckte seinen Körper und wackelte mit dem Kopf, als stünde er auf dem Bahnsteig und halte nach einem lieben Menschen Ausschau.
„Was ist denn nun?!“

Für mich bestand nun kein Zweifel mehr: Die Stimme gehörte Seiler, und Seiler hangelte durch den Käfig.

In meinem Kopf fiedelte City „Am Fenster“ – ich zog und eröffnete das Feuer.


Nachtrag

einer Mitarbeiterin des Deutschen PresseInformationsDienst (DPID)

Wie die Auswertung der uns zur Verfügung gestellten Dokumente ergab, war Wolf F. in der Dämmerung des 24. September auf dem Weg zu einer gewissen Elke Tessmann, deren Haus dem Bundesnachrichtendienst als konspirativer Anlaufpunkt diente.

Nur wenige Minuten von seinem Bestimmungsort entfernt, ereignete sich ein folgenschwerer Verkehrsunfall, den Wolf F. mit seinem Leben bezahlte.
Auf der B 173 bei Breitengüßbach in Oberfranken verlor Wolf F. auf trockener Fahrbahn und besten Witterungsverhältnissen die Kontrolle über seinen Wagen (Ford Escort, MK IV, Baujahr 1986, Dreitürer) und raste mit Tempo 95 in ein Wäldchen, teilte die Polizei mit.

Demgegenüber stellt ein Augenzeuge exklusiv gegenüber DPID das Unfallgeschehen wie folgt dar:
„Ein entgegenkommendes weißes vierachsiges Betonmischfahrzeug mit zwei lenkbaren Vorderachsen fuhr geradewegs auf den roten PKW zu. Der Fahrer des PKW musste gespürt haben, dass er keine Chance hatte ... aus welchem Grund sonst, hätte er keinen Versuch unternehmen sollen, seinem Rivalen auszuweichen? Es war schrecklich! Wirklich furchtbar! Ich hörte einen ohrenbetäubenden Knall und kurz darauf sah ich das kleine Auto durch die Luft wirbeln.“

Aus zuverlässiger Quelle erfuhr DPID, dass der Betonmischer mit einem Gesamtgewicht von annähernd 32 Tonnen voll beladen war. Eine offizielle Stellungnahme war nicht erhältlich.

Als die Rettungsmannschaften nach 37 Minuten eintrafen, war Wolf F. bereits seit 21 Minuten tot. Ein Angehöriger der freiwilligen Feuerwehr drückte sich über das Bild am Unfallort gegenüber DPID wenig später so aus: „Im ersten Augenblick glaubte ich, das Opfer sei in eine Schrottpresse gekommen. So was habe ich noch nie zuvor gesehen. Und ich habe schon viel gesehen, dass können Sie mir glauben, aber so was noch nie. Wirklich nie.“

Am Bodenblech des Wrackes fand sich eine nahezu unbeschädigte, längliche Edelstahlkassette, die neben Ausweisen, zahlreichen Geldscheinen, einer Pistole, Patronen und diversen Papieren, auch die vorliegenden, im Original handschriftlichen, Aufzeichnungen enthielt. Der Inhalt dieser Kassette wurde uns, ebenso wie Wolf F.’s Notizbüchlein, anonym zugespielt.

Weder der Unfallfahrer noch das Unfallfahrzeug wurden bis zum heutigen Tag ermittelt. Ein eingeleitetes Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt stellte die zuständige Staatsanwaltschaft nach neun Tagen ein.

Unbestätigten Berichten zufolge sagte Wolf F., kurz bevor er die Augen schloss: „Schnogselamoximolemsaaschlock“ oder etwas ähnlich Lautendes.
Natürlich ergab das überhaupt keinen Sinn. Dass jedoch hielt die Dechiffrierspezialisten des Bundesnachrichtendienstes nicht ab, 38 Monate fieberhaft an der Auswertung dieses Kauderwelschs zu arbeiten, bis schließlich auch sie die Akte „Ossi“ schlossen.

Die Autorin möchte ungenannt bleiben.
Sie ist glücklich verheiratet, hat drei süße minderjährige Kinder und ist im Besitz einer Fahrerlaubnis.

Ende


(1) Hebräisch; auf das Leben

(2) Gerechtigkeit muss sein, auch wenn daran die Welt zugrunde geht.

Copyright © 1993 - 2026 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Der Roman Fechter beruht auf tatsächlichen Ereignissen.


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