Fechter

Psycho-Thriller nach wahren Begebenheiten

Über den Tatsachen-Roman

Auszüge aus dem Leben eines jungen Söldners.

Nach seiner Zeit bei der Fremdenlegion arbeitet er für jeden, der, wie er, sich gegen Terroristen wendet - und ihn dafür bezahlt. Ob z. B. im Libanon oder im Einsatz für Geheimdienste, Wolf Fechter, der Protagonist, ist Söldner aus tiefster Überzeugung.

Bis zu dem Tag, als man ihn zum Narren hält und sich weigert, ihn zu bezahlen.

Folgen Sie Wolf Fechter u. a. nach Spanien, in den Libanon, die Niederlande und durch Deutschland.

Der erfolgreiche Roman Fechter ist ein dynamischer Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Anfang bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.

Der Action-Thriller Fechter bietet Ihnen ein intensives Leseerlebnis.
Gebundene Ausgabe

Fechter

Psycho-Thriller von

Olaf W. Fichte

Fechter: Neunter Teil

Autor: Olaf W. Fichte (Kommentare: 0)

Ich sagte nichts, fragte mich nur, wie der Steuerhinweis zu verstehen sei. Das Finanzamt hat noch nie einen Pfennig von mir gesehen. Eigentlich dürften die gar nicht wissen, dass es mich gibt. Und dabei sollte es auch bleiben. So gemein, willenlose Wesen aufzuschrecken, kann doch niemand sein. Oder sah die Wahrheit ganz anders aus? Noch dunkler? Befand ich mich bereits in den Klauen der Steuerfahndung? Woran erkennt man Steuerfahnder? Haftet ihnen der Geruch pilzzerfressenen Papieres an? Läuft ihnen von all der beschwerlichen Schnüffelei wie einem Kokser permanent die Nase? Spehr bearbeitete noch immer seinen Zinken. Blöde Angewohnheit. War diese affige Rubbelei ein verdeckter Hinweis? Kerker hatte recht, mir fehlten tatsächlich ein paar Schnitten im Beutel.
Trotz allem fühlte ich mich fabelhaft. Im Erfolgsfall puscht die Rendite – und Erfolg war mein Geschäft. Salopper formuliert: ein geiles Investment. Aber hungrig war ich auch.
„Ihre Aufgabe wird es sein,“, fuhr er fort, „uns über die Autonome Szene und ihre Aktivitäten zu informieren.“
Ich griff nach der Zigarettenschachtel unter Kerkers Fingern. Seine Hand schreckte zurück. Gelassen nahm ich die Packung an mich, fingerte ruhig – zwei Augenpaare auf mir ruhend wissend – eine heraus, zündete sie an, sah dem aufsteigenden Rauch zur Decke nach und fragte: „Ein Scherz?“
Auf alles war ich vorbereitet, selbst ein Kanzlerattentat schloss ich nicht aus. Nur auf das Dealen mit Nachrichten kam ich nicht. Wie auch? Es war mir gänzlich neu, dass selbst so was stupides Geld einbringt.
„Kein Scherz“, antwortete Kerker.
„Na, da muss ich jetzt wohl beeindruckt sein“, holte meinen prüfenden Blick von der Decke, schweifte über Spehr hinweg und heftete ihn auf Kerker. „Und aufgeregt dem spannenden Job entgegenfiebern sowieso. Ich bebe vor Aufregung. Werde heute Nacht nicht schlafen können. Was ist übrigens ein Autodingsbums?“
„Autonome Szene. Miese kleine Terroristenfreunde“, übersetzte dieser.
Und Spehr dozierte: „Abschaum! Verlaustes Pack, das Häuser besetzt, Polizisten mit Gehwegplatten, Molotowcocktails, Stahlkugeln und Leuchtspurgeschossen attackiert, um Deutschland in die Anarchie zu stürzen.“
„Es ist die Hölle da draußen, nicht wahr.“
Aus den feinen Häppchen bei Kerzenschein wurde dann doch nichts. Spehr meinte, man dürfe das Risiko, gemeinsam gesehen zu werden, nicht eingehen. Natürlich protestierte ich auf das Entschiedenste. Allein es half nichts.
Ohne Gnade – oder wenigstens Kaffee – instruierten mich die beiden bis drei Uhr in der Früh in dieser menschenfeindlichen Einöde. Dann fragte mich Kerker, ob ich eine Idee hätte, wie mein konspirativer Name lauten könnte. Den bräuchte ich nämlich, um Belege zu unterschreiben und, um mich am Telefon zu identifizieren. Das wiederum war nötig, weil ich immer montags Vormittag bis zehn Uhr zum Zweck der Terminvereinbarung für unsere wöchentlichen Treffs die 55 51 88 in München anrufen müsse.

Trotz Müdigkeit und knurrendem Magen strengte ich mich an – man macht ja nicht alle Tage so schwer auf geheim – und schlug Fürst von Bayern vor. Kerker schüttelte den Kopf. Ich versuchte es mit Bäckerei Kunerth. Aber Kerkers Haupt war nicht zu bändigen. Fortan würde ich Reiter heißen, ordnete Spehr an und ich fragte ihn, was es denn für eine Rolle spiele, wenn der Name ohnehin geheim bliebe. Jetzt schüttelten beide ihre Köpfe, als drückten sie ihr Unverständnis gegenüber einem Kleinkind aus.

An dieser Stelle kapitulierte ich und hob zur wirkungsvolleren Gestaltung beide Arme. Geschlagen fand ich mich mit dem schön unanständigen Kampfnamen ab, unterschrieb meinen Vertrag mit Reiter und steckte die Zweitschrift ein. Urplötzlich wirbelte Kerker hoch und bedrängte mich, ihm das Blatt zurückzugeben. Spehr sah zu ihm auf und die bewundernd anerkennende Mimik verriet seine Gedanken: „Wow, so habe ich dich noch nie erlebt, alter Haudegen!“

Mit einem Satz war Kerker bei mir, baute sich zu meiner Rechten auf, beugte sich herab und stützte sich mit der einen Hand auf die Lehne meines Stuhls und der anderen vor meiner Brust auf die Kante des Tisches. Eine ungebändigte Haarsträhne baumelte zu allem entschlossen vor seinem linken Auge. Ich lehnte mich zurück und fragte mich, warum Nichtraucher Mundgeruch haben müssen? Aus Sicherheitsgründen erhalte ich keinen Durchschlag, sagte er mit bebender Stimme. Na, darauf hätte ich hungriger Trottelkopf auch selbst kommen können. Sicherheit! Na klar! Im Übrigen hätte ich mich mit meiner Unterschrift unter die Schweigeverpflichtung damit einverstanden erklärt. Wenn ich immer alles las, was ich unterschriebe, käme ich nie zu einer Unterschrift. Ich holte das Papier aus der linken Innentasche meiner Jacke und reichte es ihm. Kerker dankte es mit leuchtenden Kulleraugen.
Welch grandioser Auftakt.
Spehr wünschte mir zum Abschied alles Gute und Kerker ein dienstliches „Bis Montag dann.“
Pflichtbewusst sagte ich zu und machte mich galoppierenden Schrittes zum Bahnhof.

Weg von hier, nichts wie weg von hier, dachte ich mir. Weit weg vom Knast, raus aus diesem Land.
Wenn die Heimlichtuer erst einmal auf dich aufmerksam geworden sind, ist es höchste Zeit, sich zu verkrümeln. Die nehmen ihre verdammten Pfoten nicht mehr von dir. Deine freiberufliche Karriere hat sich geerdet. Geier wie diese grapschen nach allem, krallen sich daran fest, verbeißen sich, gönnen keinem was. Ich hatte kein Zuhause. Auch in Deutschland nicht. Nach vielen Jahren kehrte ich in dieses Land zurück, um etwas aufzubauen, was mir gehörte, wohin ich mich flüchten konnte.
Im Bahnhofsrestaurant verdrückte ich sechs lederne Wurstbrötchen und drei Becher ... äh ... Kaffee. So stand es auf dem Kassenbon.
Sicher, ihr Angebot hatte was. Doch war ich noch nicht so weit. Ich telefonierte mit einem guten Freund und nahm den nächsten Zug nach Amsterdam.

Spehr sagte, es könnten zwei oder sogar noch mehr Jahre vergehen, bis ich das Vertrauen dieser Leute gewonnen habe. Und selbst dann sei es nicht sicher, ob ich jemals bis an die Basis vordringen und in ihre Planungen einbezogen würde. Mein Einsatzgebiet beschränke sich zunächst auf Nürnberg. Hier stünde die Front, gab sich Kerker kriegerisch. Meine Aufgabe sollte es sein, mich in die linksradikale Szene einzubringen. Auf Hilfestellungen seitens des kleinen Bruders bräuchte ich nicht zu setzen, da sie nach einem Außenstehenden, der sich eigenständig in die Szene hineinlebe und nach oben arbeite, Ausschau hielten. Als vorrangige Zielobjekte nannten sie die Autonomen und die Antiimperialisten, die sich Antiimps nannten.
Nach Spehrs Worten, Anarchistengesindel und verlauste Handlanger der RAF – der Roten Armee Fraktion.
Je mehr die beiden auf mich einredeten, desto weniger verstand ich. Sie kannten sich aus. Für mich hingegen war diese Szene etwas Fremdartiges. Wie übrigens auch tiefschürfende Politik, mit der ich mich zu befassen hätte. Ich verstand von alldem nichts, kannte nur das Synonym: Brandstiftung.

Aber ich war neugierig. Neugierig, zu erfahren, wer diese Menschen sein mögen, die mein Land in die Besitzlosigkeit drängen wollten. Spehr sagte, es seien verlauste Spinner. Weshalb machten sie dann so viel Aufhebens darum? War es ein kammerjägernder Wolf, wonach sie suchten? Oder das Schaf? Über eines war ich mir allerdings von vornherein im Klaren: Potenzielle Mitarbeiter aus der Szene würde ich ihnen nicht liefern. Ich hänge mir wohl Rendite schmälernde Konkurrenten ans Bein. Die mussten mich für ganz schön blöd halten. Auf die 200 Mark Kopfgeld verzichtete ich gern.

Überhaupt bestand ihr Kampfstoff vornehmlich aus klingender Münze. Ach, wie ich meine beiden Kloakengärtner doch liebte. Nein, lumpen ließen sie sich wirklich nicht. Gleich sechs zarte Blaue würden sie rüberwachsen lassen, rutschten mir beispielsweise auf einer Demonstration ein paar Steinchen aus der Hand. In Richtung Polizeiaufgebot, versteht sich.
Zugleich machten sie aber zur Bedingung, dass es in der Folge zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen den Sicherheitskräften und dem linken Pack kommen müsse. Erst dann öffne sich die Kriegsschatulle. Absolut kein Problem, beruhigte ich sie. Kerker meinte noch, dass sie sich nicht auf Pflastersteine festlegten. Auch Leuchtspurgeschosse, Rauchbomben oder anderer Firlefanz sei geeignet. Hauptsache effektiv.
Das war doch mal ein Wort. Ja, und überhaupt sei eine szenetypische Grundausstattung an Leuchtspurmunition, Schleudern und Stahlkugeln unerlässlich. Was ich damit im Einzelnen anfinge, überlasse er meiner Intelligenz. Neben Auslagen bei Kneipenbesuchen, Teilnahme an Veranstaltungen, Fahrtkosten, Literatur und allerlei anderem Schnickschnack würde selbstverständlich auch dies über Spesen abgerechnet.
Konsequenzen bräuchte ich keine fürchten. Solange ich in ihren Diensten stünde, entständen mir keinerlei Nachteile. Man werde sich um alles kümmern und nötigenfalls umgehend bereinigen. Bedenken seien nicht angebracht. Ich könne völlig unbesorgt ans Werk gehen.
Endlich mal jemand, der meine Arbeit zu schätzen wusste.


Drei Monate nach unserem lauschigen Zellenplausch meldete ich mich telefonisch bei Kerker zurück. Er begrüßte mich, als seien wir tags zuvor gemeinsam um die Häuser gezogen und verlangte im selben Plauderton einen detaillierten Bericht über die Ereignisse in den Niederlanden.
Ich sagte ihm, dass die Hauptnachrichten nicht unter fünfhundert Mark zu haben sind. Er schluckte hörbar. Als er es runtergewürgt hatte, schickte er ein schrilles, künstliches Lachen über den Draht an mein sensibles Ohr und sagte betont locker: „Gebongt!“
Noch am gleichen Abend bezog ich eine Nürnberger Pension und nahm meine Arbeit auf. Unbelastet, denn mir war noch immer schleierhaft, was es mit den Autonomen auf sich hatte.

Siebzehn Tage drückte ich mich von morgens früh bis abends spät an den denkbar ungemütlichsten Orten der Stadt herum und strandete doch immer wieder im KOMM. KOMM stand für Kommunikationszentrum. Es befand sich in der alten Stadtmauer gegenüber dem Hauptbahnhof und vertrat damals, was heute kaum noch geläufig ist: Eine Begegnungsstätte für Jugendliche – ein wahrhaftiger Jugendtreff. So sehr Jugendtreff, dass die öffentliche Meinung, sich standesgemäße Prügeleien zu liefern, noch nicht zu den hier verkehrenden Linken, Punks und Skins durchgedrungen war. Arglos gaben sie sich einträchtig die Klinke in die Hand.

Ich pendelte zwischen Teehaus, Café, Kneipe und Kino. Emsig besuchte ich Veranstaltungen, gab furchtbar wichtige Äußerungen, die mir einfach so in den Sinn kamen, deren Sinn mir aber verborgen blieb, von mir und machte die Bekanntschaft mit Jugendlichen im Trauerflor – den Autonomen, wie Kerker auf einem unserer wöchentlichen Treffen nicht ohne Zufriedenheit verlauten ließ.

Copyright © 1993 - 2025 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Der Roman Fechter beruht auf tatsächlichen Ereignissen.


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