Wollter

Thriller-Drama nach wahren Begebenheiten

Über den Tatsachen-Roman

Die Erlebnisse eines 16jährigen Schülers in der DDR, der aus politischen Gründen zu mehreren Jahren Haft verurteilt, inhaftiert und viele Monate in verschärfter Einzelhaft verbringen musste, sind Grundlage dieser spannenden wie auch ereignisreichen und dramatischen Geschichte des Romanhelden Wollter, der nach der Haft mit 18 Jahren gegen seinen Willen aus der DDR ausgebürgert und in die BRD abgeschoben wird. Wollter, der mit den Verhältnissen in der BRD nicht vertraut ist, der dort keine Verwandten oder Bekannte hat und dem weder Behörden noch Organisationen helfend unter die Arme greifen, findet nur Anschluss zum kriminellen Milieu. Er wird verhaftet und kann - sarkastisch gesagt - nun Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen DDR-Knast und BRD-Strafvollzug am eigenen Leibe erleben.

Der erfolgreiche Roman Wollter ist ein rasanter Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Mitte der 1970er Jahre bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.

Ein überaus intensives Leseerlebnis bietet Ihnen das Thriller-Drama Wollter.
Gebundene Ausgabe

Wollter

Thriller-Drama von

Olaf W. Fichte

Wollter: Siebenundzwanzigster Teil

Autor: Olaf W. Fichte (Kommentare: 0)

Keine Stunde war vergangen, als mir unmissverständlich klargemacht wurde, dass Stenzel ein Mann der Tat war.
„Pack dein Zeug!“, forderte mich der diensttuende Schließer auf.
Ich stand am Fenster meines Zimmers und sah zum Himmel empor. Sieht nach Regen aus.
„Packen?“
„Wirst auf EF eins verlegt. Bleibst in Doktor Stenzels Zuständigkeitsbereich. Er will es so.“
„Ach so.“ Was der nicht alles will. „Da liegen Nichtarbeiter.“
„Eben, drumm.“
Zum Hofgang wird es bestimmt regnen. Etwas wunderbares, im lauwarmen Regen spazieren.
„Kannste vergessen.“
Ganz so alt, wie ich dachte, war er wohl doch noch nicht. Zehn Minuten später flog die Tür auf und knallte an die Mauer. Erschrocken wandte ich mich um und konnte ein kurzes, aber heftiges Auflachen wirklich nicht mehr rechtzeitig herunterschlucken. Drei in ihre dunkelblauen Uniformen gefressene, bierbäuchige Opas walzten herein und bauten sich vorn auf – hintereinander.
„Komm jetzt!“, befahl einer schroff.
„O, i … i … ist das ein Ton hier. Euch brauchen se wohl nicht mehr?“
„Anordnung von Doktor Stenzel: Notfalls mit Gewalt und gefesselt aus der Zelle holen und in den Bunker werfen.“
„Werfen? Gehört sich das?“ Und dazu schickt er seine Altherrenriege vor? „Wollt ihr mich jetzt verhauen? Grrrrr!“
„Lass die Fax’n. Komm, aufi geht’s!“
Wer kann dazu schon nein sagen? Ich werde mir von niemandem nachsagen lassen, zügellosen Greisen auf die Kassenbeißer geboxt zu haben.
Ich packte und folgte ihnen, um kurze Zeit später wieder in meiner alten Wohnung zu landen.

War es das, was einen running Gag ausmachte? Ihre generalstabsmäßig durchgeplante Invasion wies einen winzig kleinen, eigentlich völlig unbedeutenden Makel auf: Die Etage obendrüber knauserte mit leerstehenden Zellen. Also brachten sie mich zurück und warfen schnell mal einen aus seinem Zuhause. Tja, ohne die richtigen Beziehungen läuft im Knast rein gar nichts.

Noch am Morgen ging ich zufrieden meiner Arbeit nach – und plötzlich sah ich mich auf einer Station mit einer täglich 23-stündigen verschlossenen Tür vor der Nase wieder. Ich fühlte mich einen Augenblick, als habe mich eine Abrissbirne gestriffen. Niedergeschlagen fiel ich für einen Moment aufs Bett.
Na gut, dann ist Stenzel eben doch ein Arschloch. Aber nur ein ganz großes.

Wirre Gedanken überfluteten mein Hirn währenddem ich die sieben Trippelschritte zwischen Tür und Fenster auf und ab schritt. Das Zimmer war genau so groß wie mein vorheriges. Und doch erschien es mir sehr viel kleiner. Der Boden schwankte. Bedrohlich kamen sie auf mich zu: Erst die Wände, dann die Decke, dann Wände, Decke, Boden – sie nahmen mir die Luft zum Atmen, erdrückten mich.
„Scheiße!“, schrie ich und schlug mit der Faust auf den Tisch, weil ich zum wiederholten Male kurz hintereinander gegen die auf Betonstützen befestigten Bretter des Bettes, Tisches und Sitzes stieß.
Auch während der Nacht fand ich keine Ruhe. Mein Körper entspannte sich, doch unter der Schädeldecke tobte ein Hurrikan. Ich grübelte und grübelte und grübelte. Und obwohl ich zuweilen das Gefühl hatte, alles liefe doch nur an mir vorbei, war ich bei Sonnenaufgang fest davon überzeugt, die Lösung meines Problems gefunden zu haben: irgendwie musste ich mir Gehör verschaffen.

Ohne mit der Wimper zu zucken, übergab ich am Morgen, als sich die Tür zum Verteilen des Morgenkaffees öffnete, dem Schließer einen an den Anstaltsleiter adressierten Rapportschein. Darin zeigte ich ihm meinen an diesem Tag beginnenden Hungerstreik an und bat zugleich um Überprüfung der Vorfälle und Hausstrafen, insbesondere des Arbeitsverbots.
Er las den Zettel, faltete ihn und schlenderte weiter zur nächsten Tür.
Also, etwas sagen oder wenigstens grimmig schauen hätte er schon können. Schließlich habe ich die ganze Nacht darüber gebrütet.
Selbstverständlich war unser Morgenkaffee kein richtiger Kaffee, so mit Bohnen aus Kolumbien oder so. Die hellbraune Brühe hieß nur so. Machte sich auch besser auf dem Speiseplan. Der hieß nämlich auch nur so. Im Knast gibt es keine Speisen, nur etwas Essbares – zur Lebenserhaltung.

Täglich boten sie mir etwas von dem Essbaren an, doch ich lehnte dankend mit einem Lächeln ab. Es sättigte mich, dass drei Mal täglich drei Schließer mein Zuhause filzten. Ich konnte mir nicht erklären, wonach sie suchten. Vielleicht nach gebunkerten Lebensmitteln? Aber woher sollte ich die haben? Sie fanden natürlich nichts, und doch suchten sie mich jeden Tag aufs Neue heim.
Davon abgesehen machte es mich auch mächtig satt, dass weder der Anstaltsleiter noch Groll, den ich immerhin zwei Mal anschrieb, von sich hören ließen.

Als sich am Vormittag des sechsten Tages meines Hungerstreiks die Tür öffnete und ein Schließer „Zum Arzt!“ befahl, fühlte ich mich von der Qual des nichts Essens befreit. Mir war natürlich sofort klar, dass es nicht zum Arzt ging. Musste ja nicht jeder wissen, dass mich der Anstaltsleiter an seinen Tisch bat. Diese Heimlichtuer waren ein offenes Buch für mich. Ganz klar, dass die erst mal abwarteten, ob ich mir nicht doch bald wieder den Bauch vollschlage. Zu diesem Zweck schickten sie drei Mal täglich ihre Spione vorbei. Was sie anscheinend nicht wussten, nach dem dritten Tag verspürte ich keinen Hunger mehr.
So einfach ist das alles nicht, meine Herren. Ich heiße nämlich James, nicht Hermann. Hermann ist der, der umfällt, nicht ich.

Für den Bruchteil einer Sekunde verharrte ich auf der Schwelle zum Arztzimmer. Das reichte, um mich zu fragen, ob es wirklich und wahrhaftig geschah oder ich mich vielleicht doch im Delirium oder so was befände.
Sie trug, was ich auf alten Fotos an meiner Oma sah, als sie nach Kriegsende die Trümmer einer verlorenen Schlacht beseitigte. Lag wohl am selben Jahrgang, dass sie auf derbe, braune, absatzlose Schuhe, grobe Wollsocken und kurz geschorenes Haar abfuhr. Ein sehr schlichtes, ein auffallend geschmackloses Mädchen, das da mit gebeugtem Rücken saß.
Ohne sich mir zuzuwenden, forderte sie mich auf, Platz zu nehmen. Dass sie der Anstaltsleiter war, war ohne Hermann nicht sehr wahrscheinlich. Aus selbem Grund schied auch der Alchemist aus. Aber war sie Ärztin?
„Sie verweigern seit drei Tagen die Nahrungsaufnahme?“
„Nun ja, genau genommen sind es erst sechs.“
„Nach meinen Unterlagen sind es drei. Und so trage ich es auch ein. Weiterhin muss ich Sie darüber aufklären, weil es unser Strafvollzugsgesetz nun mal so will, dass wir Anstaltsärzte keine Pflicht zur Zwangsernährung haben. Wollen Sie sich wiegen?“
„Damit ich in eine unwiederbringliche Depression stürze?“
„Dann können Sie wieder in Ihre Zelle.“
Reife Leistung. Meine Hochachtung, Gnädigste! Das raschelnde Filzkostüm sah nicht ein einziges Mal von ihrem Schreibtisch auf. Thronte da und kritzelte irgendwas auf Papier.
Gott, es kann doch nicht zu viel verlangt sein, mir wenigstens die Griffel rüberzureichen. Musst mir ja nicht gleich alles Gute, Gesundheit und ein langes Leben wünschen.

„Im richterlichen Auftrag wird Ihnen mitgeteilt, dass kein sachlicher Grund besteht, die Pflichtverteidigerin auszutauschen. Das sieht auch die Staatsanwaltschaft so“, stand in dem blauen Brief, welchen mir am zwölften Hungerstreiktag eine körperlose Hand durch die Kostklappe reichte.
Plötzlich bemerkte ich einen sehr strengen Geruch. War es das Mittagessen, dessen Geruch sich heimlich in meine Zelle schlich? Oder qualmten mir nur die Socken? Ein zweites Mal las ich den Brief. Ich bekam ja sonst nie Post. Und ein drittes Mal. Ich bekam eigentlich fast nie Post. Kein versteckter Hinweis. Nichts, dass mir verriet, hier triebe jemand einen üblen Scherz mit mir. Dann waren es wohl doch die Socken. Für eine Ohnmacht war ich noch nicht schwach genug. So griff ich eben auf ein verzweifeltes Lachen mit Tränen in den Augen zurück.

Am Morgen danach warf ich das Handtuch. Doch nicht, weil ich schlank genug war, o nein! Die Wade meines rechten Beines nahm, während ich schlief reis aus. Echt wahr, so was gibt’s. Als ich aufwachte und zum üblichen elastischen Sprung aus dem Bett ansetzte, um mir meinen Morgenkaffee abzuholen und Schließer und Kalf zu beeindrucken, was für ein fitter Bub ich bin, war die Wade weg. Ich tanzte – zugegeben, nicht sehr elegant – und stürzte, verzweifelt mit den Händen Halt suchend, neben das Bett. Das sah bestimmt nicht sehr durchtrainiert aus. Und gesund auch nicht so richtig. Unerschrocken tastete ich mich am Boden liegend zu der Stelle vor, an der ich meine Wade wähnte. Aber da war ... irgendwie ... war da nichts. Kein Muskel. Nichts. Nur eine wie Götterspeise unlustig herumschwabbelnde Masse.

„Komm hoch, wir gehen zum Arzt“, sagte der Schließer in meinem Rücken und ich glaubte, Mitleid aus seiner Stimme zu hören.
„Kann ich vorher was zu essen haben?“, flüsterte ich.
Ich futterte vier Scheiben trockenes Schwarzbrot, putzte mir die Zähne, zog mich an und bewegte mich an der Seite des Schließers zum Arzt. Meinen Fuß konnte ich zwar aufsetzen – oder sagen wir mal, er berührte den Boden –, aber nicht über den Ballen abrollen.
Es musste zum Schreien tollpatschig gewirkt haben, wie ich an den Wänden tastend die Flure auf dem linken Bein entlanghüpfte.

Im Arztzimmer empfing mich der Arzt, der kein Arzt war.
„Vitamin-B-Mangel. Selbst schuld!“, diagnostizierte der vorbildliche Bürger Sanitäter durch Auflegen der Hand.
Mit drei rotbraunen Kapseln, die meiner Wade neuen Schwung einhauchen sollten, trat ich den Rückzug an. Na ja, eigentlich trat ich nicht, ich hoppelte.

Irgendwann kam ich wieder in mein Zimmer. Ich warf mich aufs Bett, las in Tolstois „Anna Karenina“ weiter und fieberte dem Mittagessen entgegen. Es gab Linseneintopf mit einem Scheibchen Bauchfleisch – und nur für mich einen Glückskeks. Den hob ich mir natürlich für später auf. Erst löffelte ich die Schüssel leer. Es war ja so schön, so angenehm warm im Bauch.
Dann riss ich den blauen Glückskeks auf.
Sieh an, sieh an, der Herr Ermittlungsrichter schreibt mir also: „Wird folgende Hausstrafe nach § 119 Abs. 3, 4 StPO in Verbindung mit Nr. 67 ff UVollzO verhängt: 14 Tage Arrest, 7 Hofgangsentzug, 14 Tage Verkehrsbeschränkung auf dringende Fälle“, weil ich „Zu dem Sanitätsbeamten sagte: Ich Schwein solle ihn krankschreiben, weil er nicht arbeiten will, ich sei nicht richtig im Kopf und solle ihn den Arsch lecken.“
Wer nun wen?
„Der Untersuchungsgefangene hat dadurch schuldhaft gegen die Ordnung der Anstalt verstoßen.“
Auch noch? Meine Zelle ist immer aufgeräumt, und für den Rest bin ich nicht zuständig. Jaja, erzähl mir nur mehr von zu Hause. Soso, Verkehr also nur in dringenden Fällen. Darf ich mal kräftig lachen? Ich kann gar nicht Auto fahren. Oder ... natürlich, bist in der Zeile verrutscht und zitierst aus deinem Ehevertrag. Wow – bist ein toller Hecht!
Leckt mir einfach alle mal am Arsch. Aber mit Gefühl. Und schön lange.

In den frühen Morgenstunden des 2. Mai brachten sie mich in die Ettstraße. Ich wusste nicht, was auf mich zukam. Ich ahnte nur, dass mich etwas ganz Besonderes erwartete, denn ich musste meine Privatkleidung tragen. In der Wartezelle stank es noch immer so penetrant. Bullen trennen sich anscheinend nicht gern von lieb gewordenen Gewohnheiten.
Nach drei Stunden erlösten mich zwei Zivile und brachten mich in einem VW-Bus zum Mozart Platz 4. Irgendwas von Außenstelle der Universitäts-Klinik sowieso verriet das verwitterte weiße Schild am Eingang.
Geschickt dirigierten mich meine schweigsamen Aufpasser ins zweite Obergeschoss und dort linkerseits durch eine Glastür. Im Korridor, auf dem sich zwei Stühle an einem kahlen Tischchen langweilten, befahlen sie mir, einen der beiden zu besetzen. Sie selbst postierten sich vor dem Eingang, der aus meiner Sicht natürlich der Ausgang war. Neugierig geworden, wartete ich eine Stunde.
Bis endlich die Tür zu meiner Rechten aufging und sich mir schlenkernd ein Typ näherte. Er begrüßte mich mit einer knappen Kopfbewegung, stellte sich mit Radophil vor und sah missbilligend auf den Edelstahl an meinen Handgelenken. Spornstreichs kam einer der Türwärter, unruhig in der Hosentasche wühlend, auf uns zu und befreite mich.

Copyright © 1993 - 2025 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Der Roman Wollter beruht auf tatsächlichen Ereignissen.


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