Wollter
Thriller-Drama nach wahren Begebenheiten
Über den Tatsachen-Roman
Die Erlebnisse eines 16jährigen Schülers in der DDR, der aus politischen Gründen zu mehreren Jahren Haft verurteilt, inhaftiert und viele Monate in verschärfter Einzelhaft verbringen musste, sind Grundlage dieser spannenden wie auch ereignisreichen und dramatischen Geschichte des Romanhelden Wollter, der nach der Haft mit 18 Jahren gegen seinen Willen aus der DDR ausgebürgert und in die BRD abgeschoben wird. Wollter, der mit den Verhältnissen in der BRD nicht vertraut ist, der dort keine Verwandten oder Bekannte hat und dem weder Behörden noch Organisationen helfend unter die Arme greifen, findet nur Anschluss zum kriminellen Milieu. Er wird verhaftet und kann - sarkastisch gesagt - nun Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen DDR-Knast und BRD-Strafvollzug am eigenen Leibe erleben.
Der erfolgreiche Roman Wollter ist ein rasanter Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Mitte der 1970er Jahre bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.
Wollter
Thriller-Drama von
Olaf W. Fichte
Wollter: Sechsundzwanzigster Teil
So wie im DDR-Knast. Kaum war ein Schwein wie er wieder bei Besinnung, hagelte es frische Hiebe. Ich beteiligte mich nie. War nicht mein Ding. Jetzt aber wusste ich, warum sie es taten.
Einige Wochen später fragte ich Jamon, was von dem Beschluss zu halten sei.
„Das ist nichts Schlimmes“, antwortete sie mit einem seltsamen Lächeln.
„Wenn das so ist, dann sagen sie den ehrenwerten Herren, ich könne an dem Ausflug leider nicht teilnehmen, mir ist unpässlich.“
„In eine Nervenheilanstalt eingewiesen zu werden, ist beinahe ein Privileg. Und viel besser als Strafvollzug. Seien sie froh.“
„Das bin ich auch. Sehr sogar. Blöd sein heißt, nichts von seiner Umwelt wahrzunehmen. Es macht mich überaus glücklich, blöd zu sein. Darf ich trotzdem die Sicherungsverwahrung haben? Oder wenigstens eine Ihrer Franzosen?“
„Entschuldigung!“, und wackelte dabei mit dem Kopf, als wollte sie ausdrücken, wie konnte ich das nur vergessen, ich altes, drolliges Schusseltier, beugte sich zu ihrer Tasche hinunter und brachte eine Schachtel Zigaretten mit nach oben. „Machen Sie sich weniger Gedanken darüber. Denken Sie mehr über Ihre Zukunft nach.“
„Eben genau das tue ich ja. Ist nur etwas komplizierter mit verblödetem Hirn. Geben Sie mir Zeit, mich daran zu gewöhnen.“
Ich klopfte fünf Aktive aus der Schachtel und ging ohne ein Wort des Abschieds.
An meinem Arbeitsplatz erwartete mich ein in Illustriertenpapier eingeschlagenes Päckchen. Ich öffnete es und murmelte mit einem selbstzufriedenen Lächeln vor mich hin: „Jetzt könnt ihr ewig auf meine Verblödung warten.“
Auf der oberen der letzten vier Ausgaben des SPIEGEL klebte ein Zettel. Peter schrieb, dass er verlegt werde und mir sein Radio vererbe. Ich solle gut darauf aufpassen, dass es mir nicht rausgefilzt wird. Sieben Jahre habe er bekommen und das Urteil sofort angenommen. Der Glückspilz. Kein schlechter Schnitt für sieben Banküberfälle.
In der Unterhose schmuggelte ich es auf mein Zimmer. Es war klein und dennoch viel zu groß. Mein Gang glich dem, der einen schmerzvollen Tritt in die Weichteile tapfer wegzustecken versuchte.
Nachdem am Abend die Lichter ausgingen, verzog ich mich unter die Decke, legte mein rechtes Ohr behutsam auf den Lautsprecher und lauschte mit erregt funkelnden Augen, was mir die taschenbuchgroße Freiheit erzählte.
Mir war nach tanzen. Doch dafür hätte ich das kleine schwarze Gerät aus der Hand legen müssen. Dann aber hätte ich nichts mehr gehört, wonach ich hätte tanzen können. Also blieb ich liegen und zuckte wild mit den Füßen.
Stundenlang lähmte ein glückliches Grinsen mein Gesicht. Bis ich irgendwann in den frühen Morgenstunden, überzeugt, niemals so blöd werden zu können, um wirklich anständig blöd zu sein, friedlich einschlief.
Ich horchte mich unter meinen Kollegen um und notierte die Anschriften ihrer Rechtsanwälte. Zum Einkauf bestellte ich reichlich Briefmarken und schrieb einundzwanzig Kanzleien an.
Einer meldete sich, das heißt, er kam mich an einem Vormittag Anfang April besuchen. In wenigen Worten schilderte ich den Sachverhalt, und Michael Groll gab mir zu verstehen, dass er Pflichtverteidigungen grundsätzlich nur übernehme, wenn er müsse.
„Wenn ich eine übernehmen soll, muss sie mich interessieren und Spaß machen. Ihr Fall hat beides, wie mir scheint.“
Sollte nicht ich derjenige sein, der schleimt?
„Ein geplanter Raub ist auszuschließen. Darüber reden wir dann nächste Woche ausführlicher. Überdies ist mir die Vorgehensweise des Gerichts unerklärlich. Sie sind Neunzehn?“
Ich nickte und dachte, dann bringst du hoffentlich Zigaretten mit.
„Sie gehören vor eine Jugendkammer. Das machen wir schon. Zunächst setze ich mich mit Frau Kollegin Jamon bezüglich dem Wechsel Ihrer Pflichtverteidigung in Verbindung.“
Über einen besonders festen Händedruck brachte ich ihm meine Dankbarkeit zum Ausdruck.
Jetzt ist Schluss mit blöd! Sense! Jetzt übernimmt ein Anwalt. Jamon ist nett, und sie hat Zigaretten. Aber das allein genügt nicht. Mich aus dem Schlamassel zu ziehen, dazu gehört auch Köpfchen. Und Tatkraft könnte auch nicht schaden. Ich will nämlich mehr: rasch aus dem Knast. Und endlich Ruhe haben, wäre auch nicht schlecht.
Abgesehen von guten Nachrichten, brachte mir Groll noch etwas mit, das er hätte ruhig wieder mitnehmen können: eine Erkältung. Eine ganz gemeine. Irgendetwas heimtückisches. Wahrscheinlich was aus dem Osten.
So gebeutelt wie dieser Tage wurde ich noch nie. Ich fühlte mich furchtbar alt, ausgetrocknet, schwach und hilflos. Fieber schüttelte meinen kraftlosen Körper, unablässige Schweißausbrüche nahmen ihm sogleich, was ich ihm zuführte. Jede Bewegung, selbst der Gang zur Toilette, forderte allerhöchste Anstrengungen ab. Wiederholt würfelte es mich. Beim Zigarettendrehen brach mir der Schweiß aus. Ich schränkte es ein, weil Blättchen teuer und durchnässte Blättchen nicht mehr zu gebrauchen waren.
Drei Tage hielt ich mich wacker, und – Ehrenwort! – ich hätte bis zum Schluss durchgehalten. Doch Montagmorgen bequatschte mich der Schließer. Das Schlitzohr nutzte meine eingeschränkte Wehrhaftigkeit aus, um mich zum Arzt zu nötigen. Schließlich folgte ich ihm. Aber nur, weil ich zufällig an diesem Tag vor der Arbeit nichts Besseres zu tun hatte und dachte, ein kleiner Spaziergang am Morgen könne sicherlich nicht schaden.
Zur Lokalisierung des Dämons reichte mir der Arzt, wie einem Dutzend anderer, ein gewöhnliches Fieberthermometer. Als ich es ihm zurückgab, schüttelte er es, ohne einen Blick darauf zu werfen und bescheinigte mir, gesund und arbeitsfähig zu sein. Und obwohl er keine Miene verzog, glaubte ich fest, er wolle mich ein wenig auf den Arm nehmen. Forschend sah ich von der Seite an ihm hoch. Er bemerkte es und brummelte etwas in der Art von: „Ich muss meinen Dienst auch antreten, wenn mir die Nase tropft.“
Ich hielt es für einen zünftigen Beamtenwitz, lächelte verstehend und ging.
Zwei Tage später holte mich ein Läufer von der Arbeit. Dr. Stenzel, der für unseren Bau zuständige Abteilungsleiter, habe mich zum Rapport auf die Station beordert, sagte er. Ich kannte Stenzel nicht persönlich und konnte mir auch nicht vorstellen, was einer, über den ich noch nie jemanden auch nur ein gutes Wort sagen hörte, ausgerechnet von mir wollte.
Vor einigen Monaten habe ihn das Ministerium von Straubing nach Stadelheim versetzt. Er soll es eine Kleinigkeit zu wild, insbesondere im großzügigen Umgang mit Hausstrafen, getrieben haben. Womit er bei den Lebenslänglichen nicht durchkam, setzte er in Stadelheim um. Untersuchungshäftlinge sind ja so wunderschön wehrlos.
„Nimm dich in Acht vor ihm“, nervte mich einer, der neben mir übertrieben lässig an der Wand gegenüber des Rapportzimmers lehnte und ebenfalls darauf wartete, sein Päckchen abzuholen.
„Das ist ein verdammtes Arschloch. Der hasst Knackis, weißt. Wegen seiner Alten. Die hat mal mit nem Knacki rumgefickt und is auf’n Geschmack gekommen. Jetzt schafft die an.“
„Wer tut das nicht?“
Was sollte schon sein? Zuschulden habe ich mir nichts kommen lassen. Oder ... oder ...? Scheiße, die haben mein Radio gefunden! Oder hat mich die Sau angezeigt? Körperverletzung? Na, und wenn schon. Brust! Aber mein Radio. Die Schweine haben mein Radio rausgefilzt. Scheiße! Scheiße! Scheiße! Muss ich mich gleich um ein neues Radio kümmern.
„Verkaufst du dein Radio?“, fragte ich den Schwätzer.
Er schüttelte den Kopf.
Und dann ging die Tür auf – und mein Name fiel. Plötzlich spürte ich jeden Muskel, jede Sehne meiner Beine. Ich machte drei Schritte – und Muskeln und Sehnen und Knochen lösten sich auf, wurden zu Pudding.
In der Bürozelle, hinter dem Schreibtisch, saß im einfallenden Sonnenlicht Klausi. Echt wirklich wahr. Der Pudding schmolz, obgleich ich fror. Klausi, du bist mir ja vielleicht einer. Um Haaresbreite wäre ich auf diesen miesen Trick hereingefallen.
Die Ähnlichkeit zwischen den beiden war erschreckend frappant.
„Sie wissen, weshalb Sie hier sind?“
Ich schüttelte den Kopf. Hältst du mich wirklich für blöd genug, auf so eine dämliche Frage zu antworten? Jetzt weiß ich aber, dass du nicht Klausi bist. Brauchst gar nicht mehr so zu tun. Deine Stimme, und nur die, hat dich verraten.
Zur Linken des falschen Klausi saß der Arzt, und neben ihm Klörr, der Dienstleiter meiner Station. Rechts von mir, gleich neben der Tür, eine mir unbekannte dicke Tante, die sich Sozialarbeiterin schimpfte. Ich durfte stehen. War ja auch der Jüngste.
„Weil Sie einen meiner Beamten auf das Gröblichste beleidigt und beschimpft haben!“, schrie Stenzel unvermittelt los und rezitierte übergangslos aus der Stellungnahme des Arztes, über den ich nun erfuhr, dass er eigentlich Sanitäter war.
„Das muss eine Verwechslung sein“, sagte ich gelassen.
Natürlich war es eine Verwechslung. Aber so was gibt man doch nicht zu. Schon gar nicht in Gegenwart eines Knackis.
„Verwechslung!“ Angriffslustig schob er sein Kinn nach vorn. Er sprach überhaupt mit dem ganzen Gesicht. Hat Klausi nie getan. Betonte seine Worte mit aufgerissenen oder zusammengekniffenen Augen, hochgezogenen Brauen; unterstrich seine Sätze mit zuckenden Nasenflügeln und bediente sich einer ausgesucht asphaltierten Sprache.
Unbeeindruckt sah ich ihm fest in die Augen.
„Exakt. Ich konnte das gar nichts gesagt haben, weil ich überhaupt nicht sprechen konnte. Ich war so heiser, dass ich bis gestern keinen Ton rausbekam. Sie hören selbst, dass mir das Sprechen auch heute noch schwerfällt.“
Der Sani behauptete mal so nebenbei, ich habe ihn mit „Du Schwein, gib mir eine Krankmeldung!“ und „Du kannst mich doch am Arsch lecken!“ beschimpft. Er aber habe mir angeboten, mich beim Arzt anzumelden. Doch ich hätte abgelehnt und ihn beleidigt. So einer bin ich also. Ich schäme mal ganz fix.
Irgendetwas sagte mir, hier kommst du nicht mehr heil raus. Ich fror noch mehr. Und ich zitterte. Ganz leicht.
„Außerdem ist diese Ausdrucksweise nicht mein Stil. Ich gebe mir stets Mühe, ein gutes Deutsch zu sprechen. Der Verständigung wegen. Den Sani habe ich nicht aufs Gröbste beleidigt. Ich habe ihn nämlich überhaupt nicht beleidigt, weil ich leider kein Wort sprechen konnte. Er hat sich getäuscht. Kann doch mal vorkommen.“
„Eine bodenlose Frechheit, die ihresgleichen sucht! Ich kenne diesen Herrn seit langem. Noch nie gab es auch nur eine Beschwerde.“
Tante Gerda hätte das nicht besser sagen können. Plustere dich nur nicht so auf, so wichtig bist du nicht, alter Haubentaucher.
Vorsichtig lugte ich unter den Tisch: keine braunen Schuhe. Noch mal Glück gehabt.
„Gestern hätte ich das noch geglaubt. Im Fieberwahn.“
„Halten Sie Ihr Mundwerk! Dieser Mann ist ein vorbildlicher Bürger!“
Nicht mein Problem. Dafür gibt es Ärzte.
„Auch ich bin ein Bürger.“
Stenzel blätterte in einem vor ihm auf dem Schreibtisch liegenden Hängehefter.
„Ihnen ...“, und scheffelte Luft, „Ihnen werden sämtliche staatsbürgerlichen Ehrenrechte abgesprochen! Verbrecher dürfen bei uns nicht wählen!“
Wenn’s nur das wäre. Ich zeigte mit dem Finger auf das Papier. „Steht da auch was darüber drin, dass ich Untersuchungsgefangener bin und ...“
„Das reicht jetzt! Schluss! Mit Ganoven wie Ihnen mache ich kurzen Prozess! Vierzehn Tage Arrest! Verschärften Arrest! Sieben Tage Hofgangsperre! Arbeitsentzug und Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen Beleidigung! Und jetzt raus mit ihm!“
Die Mischung macht’s: Kurz, ja. Prozess, nein. Recht so. Gib es mir.
„Brust!“
„Bitte?!“
„Über mich gab es bisher keinerlei Klagen. Weshalb sprechen Sie mir Hausstrafen in einem Umfang aus, die selbst ein Ausbrecher nicht bekäme?“, fragte ich, kratzte mir seelenruhig am Hintern und popelte meine Unterhose aus der Ritze.
„Raus mit dem!“
Bevor mir die Türklinke aus der Hand rutschte, fragte ich mich noch schnell, wofür er eigentlich die drei Statisten brauchte?
Natürlich nahm ich ihn nicht ernst. Sobald er sich beruhigt hat, wird ihm dämmern, dass er den Falschen anpinkelte. Oder hat er vor der Sozialarbeiterin auftrumpfen wollen? Vielleicht stand er ja auf überdimensionale Ärsche und Titten, um die sie jeder Kürbisbauer beneidete. Aber warum suchte er für seine Sauereien ausgerechnet ein empfindsames Gemüt wie mich aus?
Ja, gibt’s denn so was. Wie auch immer: Mein Radio haben die jedenfalls nicht.

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