Wollter

Thriller-Drama nach wahren Begebenheiten

Über den Tatsachen-Roman

Die Erlebnisse eines 16jährigen Schülers in der DDR, der aus politischen Gründen zu mehreren Jahren Haft verurteilt, inhaftiert und viele Monate in verschärfter Einzelhaft verbringen musste, sind Grundlage dieser spannenden wie auch ereignisreichen und dramatischen Geschichte des Romanhelden Wollter, der nach der Haft mit 18 Jahren gegen seinen Willen aus der DDR ausgebürgert und in die BRD abgeschoben wird. Wollter, der mit den Verhältnissen in der BRD nicht vertraut ist, der dort keine Verwandten oder Bekannte hat und dem weder Behörden noch Organisationen helfend unter die Arme greifen, findet nur Anschluss zum kriminellen Milieu. Er wird verhaftet und kann - sarkastisch gesagt - nun Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen DDR-Knast und BRD-Strafvollzug am eigenen Leibe erleben.

Der erfolgreiche Roman Wollter ist ein rasanter Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Mitte der 1970er Jahre bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.

Ein überaus intensives Leseerlebnis bietet Ihnen das Thriller-Drama Wollter.
Gebundene Ausgabe

Wollter

Thriller-Drama von

Olaf W. Fichte

Wollter: Achtundzwanzigster Teil

Autor: Olaf W. Fichte (Kommentare: 0)

Dr. Radophil, der sich selbst wissenschaftlicher Assistent nannte und aus irgendwelchen Gründen verschwieg, wem er beistand, war etwa fünfunddreißig Jahre, dunkelhaarig, gerade noch schlank und drei Daumen kleiner als ich. Sein permanentes Grinsen, das ich nicht einordnen konnte, und so auch nie wusste, ob er mich nun anlachte oder verspottete, ging mir schwer auf den Docht. Und es bedrohte mich auch, weil ich trotz intensivsten Forschens kein Fünkchen Wärme in seinen Augen entdeckte.
Sein Büro, das ein Schild an der Tür als Behandlungszimmer auswies, war einfach nur ein Saustall. Der verstieß nun wirklich gegen Ordnung und Sicherheit. Vor allem meine.

Er bot mir den einzigen Besucherstuhl an. Ein ebenso hartes wie unbequemes, weil durchgesessenes Ungetüm, vor seinem mit allerlei Büchern, Akten und anderem Kram überladenen Schreibtisch. Es war ein kleines Zimmer von höchsten 16 qm. Und furchtbar eng. Überall, selbst neben meiner Sitzgelegenheit, auf jedem freien Fleckchen, stapelten sich Dutzende Kartons.
„Wenn Sie nicht möchten, dass ich das, worüber wir in den nächsten Tagen sprechen, der Staatsanwaltschaft berichte, bleibt selbstverständlich alles unter uns“, eröffnete er.
Ich nickte und wusste nicht, weshalb. In den nächsten Tagen? Staatsanwaltschaft? Wovon, zum Teufel, sprach der Typ?
„Wenn Sie mir freundlicherweise auch noch sagen könnten, weshalb Sie so scharf darauf sind, sich mit mir zu unterhalten?“
„Sie wissen es nicht?“
Reichlich blöde Frage für einen Doktor. Passt aber gut zu dem abartigen Grinsen.
„Hätte ich sonst gefragt?“
„Ihr Gutachten. Im Auftrag der Staatsanwaltschaft soll Ihre Schuldfähigkeit zur Tatzeit gutachterlich festgestellt werden.“
„Festgestellt? Ist demnach schon alles klar. Soso. Also, heute – Monate danach? Den Firlefanz können wir uns sparen. Ich brauche kein Gutachten. Ich stand weder unter Drogen noch war ich besoffen. Ich weiß sehr genau, was ich verbockt habe. Vergessen Sie’s“, und erhob mich.
„Das tut nicht weh.“
Wäre ja auch noch schöner.
„Gutachten is nich!“
„Lassen Sie uns doch ...“
„Abfahr’n!“
„... erst einmal in Ruhe darüber reden.“
Was, erst später laut?
„Abfahr’n!“
„Es geht allein um Sie.“
Wenn dir so viel an mir liegt, dann lass mich raus und langweile mich nicht mit deinen scheiße Sprüchen.
„Lassen Sie mich raus, wenn ich blöd genug bin?“
„Das können wir nicht. Setzen Sie sich bitte wieder. Der Richter hat das letzte Wort. Sie stellen sich das etwas zu einfach vor. Dass Sie weder unter dem Einfluss von Alkohol noch unter dem von Drogen standen, weiß ich bereits. Aber das Gutachten müssen wir dennoch machen. Die Staatsanwaltschaft hat uns beauftragt und zahlt dafür …“, und breiter grinsend als bisher „sogar sehr gut.“
„Na, wenn das kein Argument ist.“
„Ich fürchte, Ihre ablehnende Haltung bringt uns keinen Schritt weiter.“
Uns nicht, aber mich. So was tun wohl blöde gewöhnlich nicht? Bin ich jetzt ein Ausnahmeblöder? Oder ausnahmsweise blöd? Weißt du, ich fürchte mich nämlich auch. Vor dem, was eine Träne wie du aus meinem Leben machen kann.
„Es liegt Ihnen sehr viel an meiner Gesellschaft, stimmt’s?“
„Bitte setzen Sie sich wieder.“
Schätze, Widerstand mal wieder zwecklos. Brust! Warum dann streiten? Ich setzte mich.
„Na gut, wenn ich schon mal hier bin, bringen wir es hinter uns. Ich möchte aber rechtzeitig zum Abendessen zu Hause sein.“
„Danke!“
„Jederzeit, Chef!“ Und jetzt sei artig und hör, verdammte Scheiße, endlich mit diesem albernen Gegrinse auf. Kein Wunder, dass ich einen Hau wegkriege. Bei dem Anblick muss einem ja das ganz große Grausen kommen.
„Der Reihe nach. Morgen werden bei einem EEG ...“
„Soso, EEG also.“
„Unterbrechen Sie mich nicht! Ja, EEG. Dabei werden Ihre Gehirnströme gemessen.“
„Oh, Gehirnströme. Klingt aber gut. Wirklich verlockend. Wird mir der Deckel aufgebohrt?“
„Nein! Und unterbrechen Sie mich bitte, bitte nicht andauernd!“
„Schmeißen Sie mich doch einfach raus. Wie wär’s?“
„Ich merke schon, Sie sind ein schwieriger Fall.“
„Knastkoller, vielleicht?“
Radophil rutschte nervös auf seinem Stühlchen umher, verdrehte die Augen – genauso wie ich es in der Pubertät tat und meine Mutter nervte –, umklammerte fest seinen Bleistift und atmete tief und unüberhörbar durch: „Das EEG wird nicht hier, sondern in dem Gebäudekomplex auf der Straßenseite gegenüber durchgeführt. Ebenfalls morgen, vielleicht aber auch erst übermorgen, ...“
„Oder nächste Woche?“
„... wird Sie mein Kollege zu sich bitten. Soweit zum Ablauf. Haben Sie verstanden?“
Nein, ich bin nämlich blöd.
„Sie sind nicht zufällig Ohrenarzt? Warum bin ich hier und nicht in der Irrenanstalt?“
„Sie meinen sicher, in der Psychiatrie. Die Einweisung auf eine geschlossene psychiatrische Abteilung könnte ich, falls erforderlich, auch später noch veranlassen.“
Etwa anderthalb Stunden sprachen wir über Allgemeinheiten. Dann transportierten mich meine Begleiter zum Mittagstisch in die Ettstraße und nach einer Stunde zurück zum Doktor, der mich nun eingehend über mein Leben ausfragte. Einsilbig bediente ich seine Neugier.
Der darauffolgende Tag verlief im zeitlichen Ablauf exakt dem vorangegangenem. Einziger Unterschied: Die Zivilen fuhren mich zwischendurch mal schnell auf die andere Straßenseite zum Gehirngucken.
„Nehmen Sie ihm bitte die Fesseln ab. Wir möchten in der psychiatrischen Abteilung niemanden durch deren Anblick aufregen“, wandte sich eine unverschämt schnuckelige Ärztin an die Grobiane.
„Dürfen wir nicht. Der ist U-Haft. Vorschrift!“
Kurz darauf lag ich auf einer Pritsche. Bewegungslos. Unter mir ein gestärktes weißes Laken. Es roch nach Chemikalien. An Kopf und Handgelenken klebten kleine Saugnäpfe mit farbigen Drähten, deren Enden in einem merkwürdigen Apparat steckten. Ein fürchterliches Durcheinander war das. Doch meine süße Frau Doktor behielt den Überblick.
Ich lauschte ihrer sanften Stimme und hechelte mich durch eine Flut unanständiger Bilder in meinem Kopf.
„Augen auf!“
Mein Blick fiel auf ein Poster mit ausgefransten Kanten. Im Mittelpunkt eine weiße Taube in einem Nichts aus hellblauer Farbe.
„Augen zu!“
Dunkelheit. Ich dachte an den Teufel und die Hölle, an ihre Tittchen, leckere Eierschecke, ihren knackigen Hintern, ein saftiges Steak mit Kräuterbutter und Hermann, der für Unruhe sorgte. Ich sah Klausis abgetrennten Kopf auf einem Ameisenhügel und ihre ...
„Augen auf!“
Immer wenn’s am schönsten wird. Das nächste Mal könntest du vielleicht warten, bis ich fertig bin.
„Augen zu!“
Radophil, du sollst deine helle Freude an meinen Gehirnströmen haben. Kann es sein, dass mir langsam gar nichts mehr gehört? Selbst Gehirnströme, womöglich intimste Gedanken werden aktenkundig. Das war einmal – das mit den freien Gedanken.
„Augen auf!“
Ich sah zum Fenster, vorbei an der lächerlichen, im Flug dahinscheitenden Friedenstaube.
„Tief durchatmen.“
Gott, war das schön. Über eine Stunde habe ich es mit dir getrieben. Jetzt muss nur noch Hermann zur Ruhe kommen.
Später horchte mich Radophil zum Tathergang aus. Doch bald schon forderte er mich auf, ihn zu begleiten.
Ich folgte ihm über den Flur nach rechts, vorbei am Sekretariat und zwei Türen weiter. Das Zimmer war noch kleiner und, da es über nur ein Fenster verfügte, das den Blick auch noch auf den Hinterhof freigab, sehr dunkel. Radophils hatte zwar zwei Fenster, dafür aber war dieses Zimmer aufgeräumt und sauber. Nur der Stuhl war noch einen Tick mieser – nacktes Holz.
„Doktor Rassl wird Ihnen jetzt und am Nachmittag einige Fragen stellen“, sagte Radophil, stellte mich ab und ging.

Kaum war die Tür zu, legte Rassl los. Er stellte tatsächlich Fragen. Und was für welche! Fragen über Fragen zur Tat und, was ich nicht nur als störend, sondern überaus merkwürdig empfand, er kam zwischendurch immer wieder auf vollkommen andere Themen. Etwa wie der Forschungsminister heiße. Oder so was einfältiges wie: „Zählen Sie in siebener Schritten von Einhundert rückwärts.“ Nicht auszuhalten. Ehrlich wahr! Dann fragte er auch noch nach der Bedeutung bestimmter Sprichwörter, obwohl doch jeder Trottel weiß, dass es kaum ein Sprichwort gibt, das nicht interpretativ ist.
Als sich das am Nachmittag nicht besserte, argwöhnte ich, Rassl hat nicht alle an der Rassl und Radophil – wie hinterhältig – wollte an ihm meine Belastbarkeit testen.
„Ich nenne Ihnen jetzt eine Zahlenfolge, die Sie mir später bitte wiederholen möchten: Eins, drei, fünf, null, sechs, zwei.“
Da stand es fest, der merkte wirklich nichts mehr.

Just in dem Moment, als Radophil ins Zimmer trat, um mich von Rassl zu erlösen, sagte ich brav die blöde Zahlenfolge auf und der mit der Rassl verglich sie mit jener auf seinem Vordruck.
Nachdem Radophil sich den Reflexzonen meiner Beine genähert und ohne Vorwarnung wild darauf herumgehämmert und anschließend noch schnell meinen Blutdruck mit: „Einhundertzwanzig zu siebzig. Nun, das ist im Stehen normal“, konstatiert hatte, bohrte er skrupellos mein Sexualleben, wie er es nannte, an.
Reichlich unverschämtes Ferkel. War das der Dank, dass ich blieb? Ich kannte diese Type überhaupt nicht. Weshalb also sollte ich diesem Schmutzfinken schweinische Geschichten erzählen? Vor allem welche? Besonders viel konnte ich ohnehin nicht beitragen. Eher weniger. Genau genommen, sehr wenig. Na ja, eigentlich gar nichts. Der lief doch nicht mehr rund. Warum kauft der sich nicht einfach den PLAYBOY und verzieht sich damit aufs Klo, wenn er sich aufgeilen will? „Ich denke gar nicht daran, Fragen zu beantworten, auf die selbst die Stasi nicht kam. Ich verrate Ihnen aber was: Ich kriege ihn ohne Telefonsex hoch.“
Ich stand auf einer kleinen Insel zwischen Schreibtisch und Tür, weil sich die Kartonpest ausbreitete und nun auch meinen Stuhl infizierte. Spitzbübische lächelnd fügte ich hinzu: „Wie war ich? Liegen schon Ergebnisse vor?“
„Nichts konkretes. Bisher habe ich keine gravierenden Störungen feststellen können. Vielleicht ein paar kleinere, aber nichts, worüber Sie sich beunruhigen sollten. Endgültiges kann ich erst nach Abschluss der Tests sagen, die Sie morgen bei Doktor Stricker machen werden. Und sind dann noch offene Fragen, kommen Doktor Rassl oder ich nochmals auf Sie zu. Und um die Sache abzurunden, stelle ich Sie anschließend dem Leiter dieser Abteilung, Herrn Professor Maaß, vor.“
Da bin ich aber neugierig. Wie kriegt der das alles auf die Reihe? Wie macht der das bloß? Ich habe doch gar nichts getan. Profi. Ganz klar ein Profi. Ein Westprofi, um genau zu sein. Der hat ein Händchen. Und Erfahrung. Weil doch heute jeder Furz analysiert werden muss. Das Leid der Schamanen: Glück, Haus, Auto und Boot.
Ein ganz klein wenig merkwürdig ist es aber schon, kommt doch keiner als Bankräuber zur Welt. Doch ist er dann schon mal da, wird nur er für sein Tun verantwortlich gemacht, niemals die Umstände, die dazu führten, ihn trieben, verleiteten. Wenn doch ohnehin alles klar ist, wozu, zum Teufel, brauchen die meine Gedanken? Und – Pfui! – meinen Sex? Und was bringt es denen, ob ich aus einem intakten Elternhaus komme? Ich komme aus einer völlig normalen Familie, in der seit zig Generationen keine Geisteskrankheiten überliefert wurden. Versicherungen habe ich keine abgeschlossen, weil mir ganz einfach die Zeit dafür fehlte.
Und die Schule habe ich auch nicht wiederholt. Wäre auch zu blöd, alle Klassen noch einmal zu machen. Und wie oft ich mir einen von der Palme schüttle, geht denen einen Dreck an. Also, alles bestens.
Eigentlich war nur die Gesellschaft Scheiße. Und der Knast, und die Umstände, und überhaupt ... Aber danach fragt ja keiner.

Sehnsüchtigen Blickes sah ich durch die vergitterten Fensteröffnungen des VW-Busses hinaus auf die Straße. Mädchen! Gott, was für wunderschöne Mädchen. Sie trugen gestreifte Kleider – oder so was in der Art. War wohl gerade Mode. Die süßen Dinger waren so herrlich dünn, dass ich durch sie hindurch und – Gott, war das ein heißer Tag! – unter sie sehen konnte, nein, musste. Ich musste doch wissen, ob meine Augen unter dem Hungerstreik litten. Sie waren in Ordnung, obwohl ich mir hier und da eine noch bessere Fokussierung wünschte.
Hermann streckte sich und schob angriffslustig den Kopf vor. Weshalb nur wurde der Griebs immer dann wach, wenn es am aussichtslosesten war?
In Fachkreisen nannte man das Haftverschärfung.
Daran sieht man mal wieder, dass Knast gar nicht so furchtbar komisch ist, wie manch einer glaubt. Knast ist nämlich richtig scheiße. Tatsache! Und am allerschlimmsten sind die Minuten, in denen sie einem das Leben draußen vorführen und gleich wieder zurück unter Verschluss karren. Dummes Kasperletheater.

Copyright © 1993 - 2025 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Der Roman Wollter beruht auf tatsächlichen Ereignissen.


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