Wollter

Thriller-Drama nach wahren Begebenheiten

Über den Tatsachen-Roman

Die Erlebnisse eines 16jährigen Schülers in der DDR, der aus politischen Gründen zu mehreren Jahren Haft verurteilt, inhaftiert und viele Monate in verschärfter Einzelhaft verbringen musste, sind Grundlage dieser spannenden wie auch ereignisreichen und dramatischen Geschichte des Romanhelden Wollter, der nach der Haft mit 18 Jahren gegen seinen Willen aus der DDR ausgebürgert und in die BRD abgeschoben wird. Wollter, der mit den Verhältnissen in der BRD nicht vertraut ist, der dort keine Verwandten oder Bekannte hat und dem weder Behörden noch Organisationen helfend unter die Arme greifen, findet nur Anschluss zum kriminellen Milieu. Er wird verhaftet und kann - sarkastisch gesagt - nun Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen DDR-Knast und BRD-Strafvollzug am eigenen Leibe erleben.

Der erfolgreiche Roman Wollter ist ein rasanter Thriller, dessen Haupthandlungen sich in der Zeit von Mitte der 1970er Jahre bis Ende der 1980er Jahre ereigneten.

Ein überaus intensives Leseerlebnis bietet Ihnen das Thriller-Drama Wollter.
Gebundene Ausgabe

Wollter

Thriller-Drama von

Olaf W. Fichte

Wollter: Neunundzwanzigster Teil

Autor: Olaf W. Fichte
Uhr (Kommentare: 0)

Bei Dr. Stricker, dessen Reich sich links von Radophils erstreckte, verbrachte ich nahezu den gesamten dritten Tag. Der Mann testete mich nämlich. Und dafür war ihm nichts zu blöd. So hatte ich beispielsweise 221 Fragen eines MMPI-Tests mit Ja oder Nein zu beantworten. Um was es dabei ging, wusste ich nicht. Interessierte mich auch nicht. Ich las nicht mal, was die von mir wollten, kreuzelte einfach blind drauflos. Ein Kreuzchen hier, ein Kreuzchen da. Zwei links, zwei rechts. War das eine Blatt voll, nahm ich das Nächste und strickte munter weiter. Im Handumdrehen war ich fertig.

Der Arme wirkte leicht irritiert, als ich ihm den Papierkram zurückgab. Womöglich sagte ihm das hübsche Muster nicht zu.
Zu einigen Testfragen sollte ich ihm Kurzgeschichten erzählen, auf andere wiederum ebensolche niederschreiben. Wenigstens bestand der nicht auf Schweinkram. Dennoch warnte ich ihn, dass er sich nicht einbilden brauche, ich würde ihm irgendwann auch noch ein Buch schreiben. Das könne er sich gleich abschminken. Er fragte nach dem Warum. Aber so dumme Fragen beantworte ich prinzipiell nicht.
Dann legte er mir sauber auf weißes Papier gegossene schwarze Tintenkleckse vor die Nase. Der blanke Unfug! Rorschachtest nannte er das. Weiß der Geier, was der meinte. Was ich sah, begehrte er zu wissen. Seine Brille tat es wohl nicht mehr. Ich half ihm und sagte, da habe jemand eine schwarze Flüssigkeit verschüttet. Doch Stricker wollte mehr.

Ich begriff nun, dass ich etwas sehen sollte, das nicht da war. Ich beugte mich weiter über das Papier und forschte. Irgendwie ähnelten sie sich alle. Saublödes Spiel. Schließlich erkannte ich Schmetterlinge und sagte: „Ein pfeifender Elefant auf Rollschuhen.“
„Bitte? Ein Elefant?“, ereiferte sich Stricker. Er schien bestürzt.
„Auf Rollschuhen. Ja. Der Elefant pfeift und fährt auf Rollschuhen. Oder rollt. So genau kann ich das nicht erkennen.“
„Ähnelt es nicht eher einem Schmetterling?“
„Nein, nein, da hat Ihnen jemand einen Bären aufgebunden. Das sind ganz eindeutig die Ohren eines afrikanischen Elefanten. Eine verspielte Elefantendame, vermute ich mal.“
„Ein Elefant also“, und notierte es.

Noch mehr unnütze Zeit verplemperte ich auf dem Testbarcour beim Malen von Bildern, merken und wiederholen von Sätzen sowie unzähligen Fragen, die Auskunft über meine Intelligenz geben sollten, wie er sagte. Das war natürlich Humbug. Da steckte irgendwas ganz anderes dahinter. Was hatte meine Intelligenz mit der Bibel zu schaffen? Etwa zwei Drittel seiner Fragen zielten auf diese Ecke. Hinterhältig und gemein, weil er wusste, dass ich weder Religionsunterricht noch das Buch der Bücher kannte. Da stieg selbst bei mir weißer Rauch auf.

Am späten Nachmittag holte mich Radophil erneut zu sich. Dankbar für die Abwechslung schloss ich mich ihm an.
„Mich würde noch interessieren, was das mit den Pornos auf sich hatte?“, fragte er, kaum in seinem Lagerraum angekommen.
„Ich nix verstehen.“
Diesmal durfte ich wieder sitzen. Denkt sich auch besser.
„Die Videos, die sich in der Wohnung des Opfers befunden haben sollen.“
„Das Zeug soll sich nicht nur dort befunden haben, der Krempel war dort“, korrigierte ich schnippisch.
Weshalb zweifelte er allem und verströmt ungeniert weiter den schmierigen Charme eines Pfaffen im Todestrakt, der gerne Kumpel aller wäre? Die fehlende Verbindlichkeit versuchte er durch markige Sprüche auszugleichen. Besonders gruselig wurde es, wenn er sich mit Gags anbiederte, die keine waren. „Und was hat Sie daran aufgeregt?“
„Nix! Ich stehe nämlich nicht auf Kleinkram.“
„Kindern macht so was durchaus Spaß. Sie machen es, weil sie sein wollen wie Erwachsene. Für sie ist das ein Spiel. Kinder lernen im Spiel, wissen Sie?“
„Nein! Woher auch? Ich war nie Kind. Sie etwa?“
Es roch nach einem unheimlich perversen Experiment. Fünf, sechs Sekunden beobachtete ich ihn. Nichts deutete auf eine veränderte Situation hin. Doch – da war eine Kleinigkeit! Während der vergangenen Tage machte er sich ununterbrochen Notizen. Zeitweilig ließ er auch ein Tonband mitlaufen. Nun hielt er weder einen Stift in der Hand noch stand ein Mikrofon vor mir.
„Für jemanden wie Sie ist es unmöglich, auf einem Videoband das exakte Alter eines Menschen zu schätzen. Vermutlich waren die Akteure, sofern es sie gab, achtzehn oder älter.“
„Ja, vermutlich. Vermutlich waren sie achtzig. Haben sich gut gehalten, ihr kindliches Aussehen bewahrt. Ist doch meine Rede: Drei Mal täglich kräftig vögeln, hält jung. Es gibt Gelehrte, die behaupten tatsächlich, vögeln reinige das Hirn. Wie wär’s?“, sagte ich mit einem kessen Zwinkern.
„Sie ...!“, setzte Radophil mit aufgeblähten Backen an.
„Schenken Sie Ihren Kindern an Weihnachten eine Großpackung Streichhölzer und zum Geburtstag Pariser? Oder war das andersrum?“
„Werden Sie nicht unverschämt. Meine jahrelangen Erfahrungen und unzählige Abhandlungen meiner Kollegen zu diesem Thema bestätigen meine Schlussfolgerungen.“
Gott, ist der zickig.
„Entschuldigung! Ich bin einfach schon viel zu lange im Knast. Woher sollte ich da wissen, dass es Schick geworden ist, Kinderficker zu sein?“
„Noch eine Beleidigung und ich erstatte Anzeige gegen Sie!“, kläffte er unvermittelt los.
Reichlich schwache Nerven für einen Psychoonkel. Das bekommen wir schon wieder hin. Nun atmen wir mal tief durch. Machst dich ja noch nass. Muss doch nicht sein.
„Vergessen Sie nicht, wer Sie sind und weshalb Sie hier sitzen! Was haben Sie denn für Vorstellungen?! Es ist doch nichts Verwerfliches daran, wenn ...“
„Natürlich nicht! Gibt es in Ihrer Gedankenwelt eventuell auch noch ein anderes Thema?“ So was wie du hat garantiert keine Aktiven. Ich frag dich gar nicht erst. „Haben Sie eine Zigarette für mich?“
„Ich rauche nicht. Rauchen ist ungesund.“
Es sind schon mehr an Scheiße reden gestorben. „Dann kaufen Sie eben nur für mich welche.“
„Das kommt überhaupt nicht in Frage!“
„So was aber auch. Da sind Sie ganz streng, stimmt’s?“, alter Geizknochen. Ich wusste gleich, dass dich meine Gesundheit einen Dreck interessiert.
„Hören Sie auf, ich möchte Ihnen das Besprochene an einem Beispiel verdeutlichen. Bestimmt denken Sie schon heute Abend oder morgen früh ganz anders darüber. Was glauben Sie, warum die Meute da draußen mit geradezu voyeuristischer Befriedigung Berichterstattungen von Strafprozessen folgt?“
Desinteressiert sah ich über Radophils linke Schulter aus dem Fenster. Aber da war niemand. Und auch das Thema war mir neu. Hat da eventuell jemand den Faden verloren?
„Insgeheim freuen sich Millionen über jede erfolgte Verurteilung. Aus gutem Grund: Sie selbst sind ebenfalls Täter. Durch die Verurteilung eines anderen halten sie ihre Straftat für gesühnt. Jeder da draußen ...“, Radophil drehte sich zur Seite und zeigte mit gestrecktem rechtem Arm zum Fenster hinaus, „ist ein Krimineller. Jeder von denen hat schon einmal geklaut, betrogen oder sonst wie geltendes Recht gebrochen, wurde aber nicht gefasst. Jeder ...“
Vor seinem Fenster war gar niemand.
„Gut, gut, ausgezeichnet Ihr Vortrag! Sie haben mich überzeugt!“
Ich wusste ehrlich nicht, wovon er sprach. Aber gut, dass einem das mal so bildreich erklärt wird. Käme man ja sonst nie drauf.
„Wie Sie wollen. Folgen Sie mir über den Flur zu Professor Maaß“, sagte er und stemmte sich schmollend hoch.
Ich war vor ihm an der Tür. Sie stand einen Spalt breit offen. Mir war noch sehr genau in Erinnerung, dass sie Radophil verschlossen hatte, weil mir auffiel, dass er nach dem Zuklinken noch einmal mit beiden Handflächen fest gegen die Tür drückte, so als sei sie verzogen und schließe nur unter Druck. An den vorherigen Tagen schloss er sie ohne körperlichen Einsatz.

In Erwartung, einem energiegeladenen älteren, väterlichen Herrn mit schütterem weißem Haar, das ihm wirr über die Stirn wuchert, zu begegnen; der sein Wissen aus einem unerschöpflichen Schatz an Lebenserfahrung zog, folgte ich Radophil über den Flur. Im Zimmer gegenüber roch es nach Seife und Zahnpasta, doch ein Waschbecken konnte ich nirgendwo entdecken.

Stricker nickte mir kurz zu. Er stand neben einem großen schwarzen Ledersessel, aus dem sich ein dunkel-haariger Mann in weißem Kittel erhob. Gebieterisch hob Professor Maaß die manikürte rechte Hand, was mir zu verstehen geben sollte, keinen Schritt weiterzugehen. Also blieb ich auf der Türschwelle stehen und nahm seine weiche, warme Hand entgegen.
Maaß war Anfang vierzig, spindeldürr und braun gebrannt von falscher Sonne.
„Ich möchte mich für Ihre Mitarbeit bedanken“, sagte er, grinste jovial, machte kehrt, schritt zu seinem Sessel und plumpste hinein.
Ich stand in der Tür wie ätsch, ich bin blöd und überlegte, ob es sich um einen fiesen Trick handle. Zwei, drei Sekunden ließ ich seine Rede auf mich wirken. Kein Trick, nur mal wieder eine völlig überflüssige Aktion. Wahrscheinlich schwer psychologisch.
War mir eine Ehre, Erhabener! Dann drehte ich seinem Gemach den Rücken zu und schritt, seinen Gang nachäffend, auf den Flur.
Plötzlich hielt mich was am Hemdärmel fest.
„Ich möchte mich von Ihnen verabschieden. Wir werden uns wohl nicht mehr wiedersehen. Jedenfalls nicht vor der Hauptverhandlung. Professor Maaß bat mich, Sie darauf hinzuweisen, dass wir der Staatsanwaltschaft gegenüber keiner Schweigepflicht unterliegen“, sagte Radophil und lächelte süffisant.
„Das haben Sie aber nett gesagt. Meine Empfehlung an die Frau Gemahlin“, sagte ich und dachte, das nächste Mal sitze ich bestimmt wegen Tierquälerei.
Unsanft machte ich mich von ihm los und ging auf die Glastür und meine beiden Zivilen zu, als hinter mir Stricker rief: „Halt, warten Sie noch einen Moment Kommen Sie doch bitte noch einmal mit zu mir.“
Roboterhaft machte ich eine halbe Drehung und näherte mich seinem Zimmer.
„Sie können gleich da an der Tür stehen bleiben. Ich möchte nur ganz schnell ein Foto von Ihnen machen. Zur Erinnerung. Dann weiß ich später gleich, mit wem ich gesprochen habe“, schnappte vom Schreibtisch eine Polaroidkamera und drückte zweimal den Auslöser.
„Ist es eigentlich Tierquälerei, wenn man ein Schwein schlachtet?“
Für einen Moment sah er mir irritiert in die Augen, als ergründe er den tieferen Sinn meiner Frage.
„Nein. Nein, nicht, wenn es schnell geht. Wissen Sie, James ... Ich darf doch James sagen?“
„Würden Sie es denn lassen, wenn ich was dagegen hätte?“
„Wissen Sie, James, Sie sind kein psychiatrischer Fall. Und Ihr Intelligenzquotient liegt bei einhundertdreiunddreißig. Nachteilig wirkt sich allerdings die Waffe für Sie aus. Leider. Ich hoffe aber für Sie, dass Sie aus der Sache gut herauskommen“, und drückte mir etwas in die Hand, das ich geistesgegenwärtig als die seinige ausmachte.
„Nicht so doll, wie?“
„Was?“
„Das mit den hundertdreiunddreißig.“
„Och, ganz ordentlich“, sagte er schmunzelnd. Und da kam er auch bei ihm durch, der freudsche Schmunzelaffe.

Zwei Tage nach Radophil führte mich in der Früh ein Schließer zum Arzt. Die Ärztin würde mich auf eventuelle Spätfolgen des Hungerstreiks hin untersuchen, vermutete ich. Doch die plante etwas anderes. Sie ließen mich zwar zur richtigen Ärztin vor, aber die fragte nur, ob ich irgendwelche gesundheitlichen Beschwerden hätte. Dabei sah sie nicht mich, sondern den Schließer, der sich vor der Tür postierte, an.
Daraufhin bückte ich mich, sah unter den Schreibtisch auf ihre ungeputzten braunen Treter, schrie: „Nein, Sir!“, machte kehrt und ließ sie mit sich, ihren braunen Botten und ihrem sexy Wollleibchen allein.

Eine dreiviertel Stunde danach, ich hatte es mir auf dem Lokus mit einer uralten QUICK bequem gemacht, öffnete sich die Tür meiner Zelle und zwei Schließer spazierten herein.
„Hoch! Auf geht’s! Puh, stinkt das hier!“
Ich riss dunkles, holzig grobes Toilettenpapier von der Rolle.
„Macht die gute Ernährung. Sollten Sie auch mal probieren. Da bleibt kein Auge trocken. Eins A Hämorrhoidenkiller.“
„Stink dich aus!“, befahl er, begleitet von einem demonstrativen Hustenanfall.
„Das hört sich aber gar nicht gut an.“
„Quatsch nicht, komm hoch!“
„Soll ich mich umdrehen, damit ihr besser sehen könnt, ob ich mir den Arsch ordentlich abwische?“
„Mach endlich!“
Ich machte – und sie glotzten. Na, da haben wir zu Hause aber eine Menge zu erzählen.
„Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie ist euer Auftritt von tiefen Geheimnissen umwittert.“
„Ich werd dir gleich helfen, wenn hier nicht bald was vorangeht. Du fliegst in Bunker.“
„Fliegen? Soso. Wegen grobem Fehlverhalten, wie ich annehme.“
„Dein Waschzeug kannst du mitnehmen. Alles andere bleibt hier“, sagte der andere.
„Gleich? Und die Arrestuntersuchung?“
„Da warst du eben, du Depp!“, klärte mich ersterer auf.
„Das ich darauf nicht selbst gekommen bin, ich Depp.“
„Sag ich doch.“
„Und was ist ein Depp?“
„Diskutier nicht rum. Komm jetzt – oder Haus Drei! Suchs dir aus.“
Da gab’s nur eins: Hose hoch, Hände waschen und durch. Man muss nicht immer alles haben. Ich werde freiwillig verzichten. Hastig fischte ich Zahnbürste, Zahncreme, Seife und Shampoo von der Ablage über dem Waschbecken, stopfte die Hosentaschen voll und eilte den beiden nach ins Parterre.

Copyright © 1993 - 2026 by Olaf W. Fichte, Germany. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Der Roman Wollter beruht auf tatsächlichen Ereignissen.


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